Die Geschichte – Tag 3

Der Einstieg
Am nächsten Abend ging ich früher los, nicht aus Mut, sondern weil ich mir Zeit lassen wollte. Wenn es ein Darunter gab, dann würde es sich nicht zeigen, wenn man hastig suchte. Der Weg zum Ledererturm war vertraut, und doch sah ich alles anders, als würde die Stadt selbst prüfen, ob ich wirklich hinschaue. Ich betrachtete das Mauerwerk genauer, fuhr mit der Hand über die Fugen, ließ den Blick über Boden und Sockel wandern. Es war nichts Spektakuläres zu sehen, keine Geheimtür, kein Zeichen. Und gerade deshalb fiel mir der Gitterrost auf, leicht seitlich versetzt, halb im Schatten, so unscheinbar, dass man ihn für einen gewöhnlichen Ablauf halten konnte.
Als ich mich hinunterbeugte, bemerkte ich, dass er nicht fest verschraubt war. Mit einem leichten Druck gab er nach. Kein dramatisches Knarren, nur ein leises Nachgeben, als wäre er erst kürzlich bewegt worden. Unter dem Rost führte eine schmale Treppe hinunter, roh gemauert, kühl, mit diesem typischen Geruch nach feuchtem Stein, den alte Gewölbe haben.
Ich blieb einen Moment stehen und lauschte. Über mir das gedämpfte Leben der Stadt, Stimmen, Schritte, ein entferntes Lachen. Unter mir eine Stille, die dichter wirkte als Dunkelheit. Es war nicht die Angst, die mich zögern ließ, sondern die Erkenntnis, dass man mit dem ersten Schritt etwas überschreitet, das sich nicht mehr ganz rückgängig machen lässt. Ich setzte den Fuß auf die erste Stufe. Dann auf die zweite. Die Treppe führte vielleicht zehn Schritte nach unten und endete in einem schmalen Gang, gemauert aus alten Ziegeln. An der Wand hing eine einzelne Lampe. Sie brannte.
Und genau das war es, was mich innehalten ließ. Das hier war kein vergessener Ort. Es war ein benutzter. Auf dem Boden lag ein weiterer Zettel. „Du bist näher, als du glaubst“, stand darauf. Ich hob ihn auf und sah den Gang entlang. Am Ende zeichnete sich eine Tür ab, schwer, aus dunklem Holz, mit einem Metallgriff, der im Licht leicht glänzte. In diesem Moment hörte ich Schritte. Nicht meine. Und ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr nur Beobachter war.
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