Kategorie: Geschichten

  • 193_Als die Marienwarte gestohlen wurde

    Es war ein ganz normaler Abend in Wels, nichts Besonderes, kein Ereignis, das man sich gemerkt hätte, die Lichter gingen an wie immer und oben am Reinberg stand die Marienwarte ruhig da, so wie sie es schon seit Jahren tat, fest verankert im Bild der Stadt, ein Punkt, an den man gar nicht mehr bewusst dachte, weil er einfach immer da war.

    Am nächsten Morgen war sie weg.

    Nicht kaputt, nicht eingestürzt, nicht einmal ein Stein lag herum, dort war nur noch ein sauberer Abdruck im Boden, als hätte jemand sie vorsichtig herausgedreht, langsam und ohne Hast, als wäre das Ganze geplant gewesen und nicht einfach ein Diebstahl. Zwei Frühaufsteher standen davor, schauten hinauf, schauten sich an und sagten nichts, weil es manchmal Momente gibt, die man nicht gleich erklären muss, weil sie sowieso keinen Sinn ergeben.

    Innerhalb weniger Stunden wusste es ganz Wels, die Polizei sperrte ab, Drohnen flogen, Experten redeten von „unmöglich“, und genau in diesem Moment war allen klar, dass es genau das war, was passiert war. Am zweiten Tag tauchte ein Video auf, verwackelt, unscharf, aufgenommen aus irgendeinem Fenster, man sah Lichter, große, helle Lichter, und dann hob sich die Marienwarte langsam in die Luft, nicht laut, nicht spektakulär, sondern fast ruhig, als würde sie selbst entscheiden, dass es Zeit ist zu gehen, darunter Fahrzeuge ohne Zeichen, ohne Kennzeichen, alles wirkte geordnet, beinahe elegant, und dann verschwand sie einfach in der Dunkelheit.

    Die Stadt redete, am Stadtplatz, in den Cafés, auf den Bänken, jeder hatte eine Theorie, von Hightech bis geheimem Experiment, einer meinte sogar, sie sei schon lange mehr gewesen als nur ein Turm, und keiner konnte das wirklich widerlegen. Am dritten Tag kamen Bilder aus China, irgendwo stand plötzlich ein Turm, neu aufgebaut, perfekt beleuchtet, und doch sofort erkennbar, die Marienwarte, mit all ihren kleinen Unebenheiten, genau so, wie man sie kannte, nur dass sie jetzt auf der anderen Seite der Welt stand.

    Und in Wels blieb etwas zurück, das schwerer zu erklären war als der Diebstahl selbst, denn dort oben fehlte nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Stück Gefühl, etwas, das man erst bemerkt, wenn es nicht mehr da ist, und trotzdem gingen die Leute am Abend wieder hinauf, standen am leeren Platz und schauten hinaus wie immer, nur dass diesmal nichts mehr zurückschaute.

    Ein paar Tage später fand jemand ein kleines Stück Metall am Boden, unscheinbar, fast wie zufällig dort liegen geblieben, er nahm es mit, ohne viel nachzudenken, und manchmal, wenn man genau hinsieht, glaubt man oben am Reinberg ein ganz kurzes Glitzern zu erkennen, nicht stark, nur für einen Moment, so als wäre die Geschichte noch nicht ganz zu Ende.

    Jetzt steht die Marienwarte China…..

  • 192_Der Mann der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 7

    Die Entscheidung

    Ich schlief in dieser Nacht wenig, nicht aus Unruhe, sondern weil sich Gedanken nicht einfach abstellen lassen, wenn sie begonnen haben, sich neu zu ordnen. Wels lag ruhig unter dem Morgenlicht, als ich über den Stadtplatz ging, und ich fragte mich, wie viele Menschen wohl ahnen, dass unter ihren Schritten nicht nur Fundamente liegen, sondern Möglichkeiten. Die Stadt wirkte wie immer, vertraut, belebt, unbeeindruckt von meinen Entdeckungen, und vielleicht war genau das der Punkt.

    Am Abend stieg ich ein letztes Mal hinunter. Nicht, weil man ein letztes Mal braucht, sondern weil ich mir sicher sein wollte. Leopold wartete im Raum bei den Karten. Kein großes Gespräch, kein Abschied. Nur dieses ruhige Einverständnis zwischen zwei Menschen, die wissen, dass eine Entscheidung nicht laut fallen muss.

    „Du musst nicht bleiben“, sagte er ruhig. „Und du musst auch nichts erzählen. Wichtig ist nur, dass du weißt, dass es diese Ebene gibt.“

    Ich sah mich noch einmal um, über die Ziegel, die Tische, die Linien auf den Plänen. Es war kein Versteck. Es war ein Raum der Wahl. Und ich begriff, dass es nicht darum ging, hier unten zu leben, sondern oben anders zu gehen.

    „Ich bleibe nicht“, sagte ich schließlich. „Aber ich werde auch nicht mehr blind vorbeigehen.“

    Er nickte nur, als hätte er genau diese Antwort erwartet.

    Als ich die Treppe hinaufstieg und der Gitterrost sich leise schloss, war nichts anders und doch alles verschoben. Die Lichter der Stadt, das Lachen vor den Cafés, die Schritte über das Pflaster – alles wie zuvor. Nur ich nicht ganz.

    Am nächsten Morgen lehnte wieder ein Fahrrad am Stadtplatz. Kein großes Zeichen. Kein neuer Auftrag. Nur ein Zettel mit einem Satz:

    „Wer stehen bleibt, sieht mehr.“

    Ich ging daran vorbei, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Klarheit. Manche Geheimnisse sind nicht dafür da, gelöst zu werden. Sie sind dafür da, uns aufmerksam zu machen.

    Und seitdem bleibe ich öfter stehen.

  • 191_Der Mann der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 6

    Das zweite Gesicht

    Am nächsten Abend ging ich nicht mehr zögernd die Treppe hinunter, sondern mit einer ruhigen Klarheit. Es war kein Abenteuer mehr, sondern ein Gespräch, das fortgesetzt werden wollte. Der Gang wirkte vertraut, fast normal, und vielleicht ist das das Merkwürdige an solchen Dingen: Man gewöhnt sich schneller an das Ungewöhnliche, als man glaubt.

    Leopold wartete im größeren Raum, nicht im Halbdunkel, sondern im Licht der Lampe, als wolle er diesmal nichts verbergen. Auf den Tischen lagen Karten, alte Pläne, Notizen. Ich erkannte Linien, die sich unter der Stadt zogen, Verbindungen zwischen Mauern und Toren, zwischen dem Ledererturm und dem Trauntor, weiter hinunter in Richtung Traun. Es war kein geheimes Reich, sondern ein gewachsenes Netz, entstanden über Jahre.

    „Ich bin nicht geflohen“, sagte er ruhig. „Ich habe nur aufgehört, oben mitzuspielen.“ Er erzählte von Erwartungen, von Lärm, von Entscheidungen, die nicht seine gewesen waren, und von dem Moment, in dem er begriff, dass er nicht die Stadt verlassen wollte, sondern nur die Oberfläche. Hier unten, sagte er, habe er Gespräche geführt, gedacht, geplant, ohne beurteilt zu werden. Nicht versteckt, sondern reduziert.

    Ich hörte ihm zu und merkte, dass ich keine spektakuläre Wahrheit erwartete. Es war nichts Sensationelles an seiner Geschichte. Kein Drama. Kein Skandal. Nur eine bewusste Entscheidung, sein Leben anders zu strukturieren.

    „Und was ist mit oben?“, fragte ich.

    Er lächelte leicht. „Oben geht alles weiter“, sagte er. „Aber nicht alles muss für jeden sichtbar sein.“

    Dieser Satz blieb im Raum hängen. Vielleicht hatte ich die ganze Zeit nach einem Geheimnis gesucht, dabei ging es um eine Haltung. Nicht darum zu verschwinden, sondern bewusst zu wählen, wie und wo man leben möchte.

    Als ich später wieder die Treppe hinaufstieg, war Wels dieselbe Stadt wie zuvor. Die Lichter am Platz, die Stimmen, das Pflaster unter meinen Schuhen – alles vertraut. Und doch wusste ich, dass ich sie nicht mehr ganz so sehen würde wie zuvor.

    Morgen würde ich entscheiden müssen, was ich mit diesem Wissen mache.

  • 189_Der Mann der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 4

    Der Name an der Wand

    Ich stand einen Moment vor der Tür am Ende des Ganges, die Hand am Metallgriff, und fragte mich nicht, ob ich sie öffnen sollte, sondern eher, was ich hinter mir lassen würde, wenn ich es tat. Über mir die vertraute Stadt, unter mir dieser Raum, der weder bedrohlich noch einladend wirkte, sondern einfach vorhanden. Schließlich drückte ich den Griff langsam nach unten. Die Tür öffnete sich ohne Widerstand.

    Dahinter lag ein größerer Raum, gemauert aus alten Ziegeln, höher als der Gang, fast wie ein kleines Gewölbe. Kein Staub aus Jahrhunderten, kein Gerümpel, sondern Ordnung. Regale an der Wand, einige Kisten, sauber beschriftet, als würde hier jemand arbeiten, nicht hausen. Eine einzelne Lampe brannte an der Decke und tauchte alles in warmes, ruhiges Licht.

    Ich ging ein paar Schritte hinein und spürte sofort, dass dieser Ort nicht vergessen war. Er war benutzt. Bewusst. Gepflegt. Es war kein Zufallsfund, sondern ein Raum mit Absicht.

    An der gegenüberliegenden Wand stand ein Name, mit Kreide geschrieben, groß und klar: Leopold. Darunter ein Datum von vor zweiundvierzig Jahren.

    Ich musste schlucken. Der Name war mir bekannt. In Wels kannte man diese Geschichte, zumindest bruchstückhaft. Ein Mann, der eines Tages einfach nicht mehr aufgetaucht war. Kein Abschied, keine Erklärung. Man hatte gesucht, spekuliert, irgendwann geschwiegen.

    Neben dem Namen war ein kleiner Pfeil gezeichnet, der auf eine Kiste am Boden zeigte. Ich kniete mich hin und wischte mit der Hand über das Holz. Auf dem Deckel war ein schlichtes „L.“ eingeritzt.

    In diesem Moment fiel hinter mir die Tür ins Schloss. Kein Krachen, kein Drama. Nur dieses endgültige Geräusch, das einem klar macht, dass man nicht mehr allein ist.

    Ich drehte mich langsam um. Der Gang war noch da. Die Lampe brannte. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Sie war dichter geworden, als würde jemand den Raum betreten haben, ohne dass ich es gesehen hatte.

    Dann hörte ich Schritte. Ruhig. Gleichmäßig. Nicht hastig.

    Und ich wusste, dass ich gleich erfahren würde, ob Leopold nur ein Name an der Wand war – oder mehr.

  • 188_Der Mann, der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 3

    Der Einstieg

    Am nächsten Abend ging ich früher los, nicht aus Mut, sondern weil ich mir Zeit lassen wollte. Wenn es ein Darunter gab, dann würde es sich nicht zeigen, wenn man hastig suchte. Der Weg zum Ledererturm war vertraut, und doch sah ich alles anders, als würde die Stadt selbst prüfen, ob ich wirklich hinschaue. Ich betrachtete das Mauerwerk genauer, fuhr mit der Hand über die Fugen, ließ den Blick über Boden und Sockel wandern. Es war nichts Spektakuläres zu sehen, keine Geheimtür, kein Zeichen. Und gerade deshalb fiel mir der Gitterrost auf, leicht seitlich versetzt, halb im Schatten, so unscheinbar, dass man ihn für einen gewöhnlichen Ablauf halten konnte.

    Als ich mich hinunterbeugte, bemerkte ich, dass er nicht fest verschraubt war. Mit einem leichten Druck gab er nach. Kein dramatisches Knarren, nur ein leises Nachgeben, als wäre er erst kürzlich bewegt worden. Unter dem Rost führte eine schmale Treppe hinunter, roh gemauert, kühl, mit diesem typischen Geruch nach feuchtem Stein, den alte Gewölbe haben.

    Ich blieb einen Moment stehen und lauschte. Über mir das gedämpfte Leben der Stadt, Stimmen, Schritte, ein entferntes Lachen. Unter mir eine Stille, die dichter wirkte als Dunkelheit. Es war nicht die Angst, die mich zögern ließ, sondern die Erkenntnis, dass man mit dem ersten Schritt etwas überschreitet, das sich nicht mehr ganz rückgängig machen lässt. Ich setzte den Fuß auf die erste Stufe. Dann auf die zweite. Die Treppe führte vielleicht zehn Schritte nach unten und endete in einem schmalen Gang, gemauert aus alten Ziegeln. An der Wand hing eine einzelne Lampe. Sie brannte.

    Und genau das war es, was mich innehalten ließ. Das hier war kein vergessener Ort. Es war ein benutzter. Auf dem Boden lag ein weiterer Zettel. „Du bist näher, als du glaubst“, stand darauf. Ich hob ihn auf und sah den Gang entlang. Am Ende zeichnete sich eine Tür ab, schwer, aus dunklem Holz, mit einem Metallgriff, der im Licht leicht glänzte. In diesem Moment hörte ich Schritte. Nicht meine. Und ich wusste, dass ich jetzt nicht mehr nur Beobachter war.

  • 186_Der Mann, der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 1

    Manchmal beginnt etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Detail, das eigentlich keiner beachtet. Es war ein gewöhnlicher Nachmittag am Stadtplatz in Wels, Menschen gingen ihren Erledigungen nach, irgendwo klapperte Geschirr von einem Kaffeehaus, und ich blieb stehen, weil ein altes schwarzes Fahrrad an der Mauer lehnte, ohne Schloss, ohne sichtbaren Besitzer, aber mit einem Zettel am Lenker. Ich weiß nicht, warum mich so etwas interessiert, vielleicht weil ich Zeit habe, vielleicht weil ich schon immer geglaubt habe, dass Städte ihre Geschichten nicht laut erzählen, sondern leise zwischen Pflastersteinen und Mauern verstecken.

    Auf dem Zettel stand nur ein einziges Wort: „Heute.“ Kein Name, keine Erklärung, kein Scherz. Heute kann alles sein – ein Anfang, ein Ende oder einfach nur ein ganz normaler Dienstag. Ich sah mich um, ob jemand das Ganze beobachtete, doch die Menschen gingen an mir vorbei wie immer, jeder mit seinem eigenen Heute beschäftigt.

    Als ich den Zettel umdrehte, war auf der Rückseite eine kleine Skizze. Ein Turm. Schnell gezeichnet, nicht besonders kunstvoll, aber eindeutig. Darunter stand eine Uhrzeit: 21:17.

    Zuhause ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Es war nichts Bedrohliches daran, eher ein leises Ziehen, wie wenn man ein Buch aufschlägt und weiß, dass man weiterlesen wird, obwohl man es eigentlich nicht geplant hatte. Vielleicht war es ein Scherz. Vielleicht eine Verabredung. Vielleicht hatte ich einfach zu viel Fantasie.

    Und doch wusste ich, dass ich um 21:17 dort stehen würde. Nicht, weil ich Abenteuer suche. Sondern weil ich es nicht mag, wenn Fragen offen bleiben.

  • 184_Der Mann, der unter Wels verschwand

    1: Das Fahrrad am Stadtplatz

    Manchmal beginnt etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Detail, das eigentlich keiner beachtet. Es war ein gewöhnlicher Nachmittag am Stadtplatz in Wels, Menschen gingen ihren Erledigungen nach, irgendwo klapperte Geschirr von einem Kaffeehaus, und ich blieb stehen, weil ein altes schwarzes Fahrrad an der Mauer lehnte, ohne Schloss, ohne sichtbaren Besitzer, aber mit einem Zettel am Lenker. Ich weiß nicht, warum mich so etwas interessiert, vielleicht weil ich Zeit habe, vielleicht weil ich schon immer geglaubt habe, dass Städte ihre Geschichten nicht laut erzählen, sondern leise zwischen Pflastersteinen und Mauern verstecken.

    Auf dem Zettel stand nur ein einziges Wort: „Heute.“ Kein Name, keine Erklärung, kein Scherz. Heute kann alles sein – ein Anfang, ein Ende oder einfach nur ein ganz normaler Dienstag. Ich sah mich um, ob jemand das Ganze beobachtete, doch die Menschen gingen an mir vorbei wie immer, jeder mit seinem eigenen Heute beschäftigt.

    Als ich den Zettel umdrehte, war auf der Rückseite eine kleine Skizze. Ein Turm. Schnell gezeichnet, nicht besonders kunstvoll, aber eindeutig. Darunter stand eine Uhrzeit: 21:17.

    Zuhause ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Es war nichts Bedrohliches daran, eher ein leises Ziehen, wie wenn man ein Buch aufschlägt und weiß, dass man weiterlesen wird, obwohl man es eigentlich nicht geplant hatte. Vielleicht war es ein Scherz. Vielleicht eine Verabredung. Vielleicht hatte ich einfach zu viel Fantasie.

    Und doch wusste ich, dass ich um 21:17 dort stehen würde. Nicht, weil ich Abenteuer suche. Sondern weil ich es nicht mag, wenn Fragen offen bleiben.

  • 183_Der Mann, der unter Wels verschwand

    Ankündigung für Morgen Montag: Tag 1 – Das Fahrrad am Stadtplatz

    Der Mann, der unter Wels verschwand

    Manche Geschichten beginnen nicht laut.
    Kein Knall, kein Drama – nur ein Detail.Ein Fahrrad am Stadtplatz.
    Ein Zettel mit einem einzigen Wort: „Heute.“

    Und plötzlich bleibt man stehen. Ab heute startet meine neue 7-Tage-Erzählung.
    Jeden Tag ein Kapitel. Eine Geschichte über Wels, über das, was man sieht –
    und das, was darunter liegt.

    Freu mich auf Morgen

  • 145_Wir warten unser Leben lang

    Wir warten auf den Freitag.
    Wir warten auf den Ersten, weil dann endlich wieder Geld am Konto ist.
    Wir warten auf den Geburtstag.
    Wir warten auf den Sommer.
    Wir warten auf Weihnachten.
    Wir warten darauf, dass „es besser wird“, „ruhiger wird“, „anders wird“.
    Und während wir warten, rinnt sie uns durch die Finger – diese kostbare, unwiederbringliche Lebenszeit.

    Das Warten ist inzwischen fast schon ein Volkssport geworden. Montag warten wir auf Freitag, unter der Woche auf das Wochenende, im Jahr auf den Urlaub, im Leben auf irgendwann. Irgendwann, wenn mehr Zeit ist. Irgendwann, wenn weniger Stress ist. Irgendwann, wenn… ja wenn was eigentlich? Während wir brav auf all diese Termine starren wie auf Fahrpläne, fährt unser eigener Zug ganz leise weiter. Ohne Pause. Ohne Rückfahrkarte.

    Das Gemeine daran: Wir merken es oft erst, wenn wieder ein Monat vorbei ist. Oder ein Jahr. Oder ein Mensch. Oder ein Traum.

    Dabei liegt das Leben nicht am Freitag. Nicht am Ersten. Nicht unterm Christbaum. Es liegt heute. In diesem einen, unscheinbaren, völlig unperfekten Tag. Und der will nicht, dass wir auf ihn warten. Der will, dass wir ihn benutzen.

    Also vielleicht heute einmal nicht warten.
    Nicht auf besseres Wetter. Nicht auf bessere Laune. Nicht auf den richtigen Moment.
    Vielleicht heute einfach raus. In die Natur. In den Wald. An die Traun. Auf einen Hügel. Auf eine Bank. Oder wenigstens ans offene Fenster. Luft holen. Schauen. Hören. Spüren, dass man da ist.

    Denn Lebenszeit ist keine Ware, die man ansparen kann.
    Sie ist ein Gutschein, der jeden Tag ein kleines Stück kürzer wird – und nirgends steht, wie lang er ursprünglich war.

    Und jetzt entschuldige mich bitte… ich warte nicht mehr. Ich gehe eine Runde leben.

  • 138_Wirthausgeschichten

    Das Pantscherl vom Kohlenkeller

    Um 1970 war der „Goldene Hirschen“ das zweite Wohnzimmer der halben Stadt. Und Alois war sein unangefochtener Herrscher: laut, breitschultrig, mit einer Stimme wie ein leerer Mostkrug. Olga wirbelte zwischen Tischen und Zapfhahn, hübsch, resolut – und seit einiger Zeit mit einem Glanz in den Augen, den Alois nicht kannte.

    Der Glanz trug den Namen Fred. Neu in der Stadt, geschniegelt, immer ein Lächeln auf den Lippen und ein Trinkgeld in der Hand. Wenn Olga ihm das Bier brachte, blieb sein Blick zu lange, sein Lächeln zu offen. Und Olgas Schritte wurden langsamer, ihr Lachen leiser.

    Als Alois krank im Bett lag, rutschte eines Abends ein Zettel mit dem Krug über den Tisch: 22 Uhr. Kellerstiege.
    Unten, zwischen Kohlen und Staub, trafen sich Wärme und Verlangen. Heimlich. Atemlos. Tag für Tag, solange oben nur Stille und Husten herrschten.

    Doch Wirtshäuser haben Ohren. Und Böden, die Geräusche tragen.

    Als Alois wieder hinter der Schank stand, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Olga verschwand. Fred auch. Zu oft. Zu lang. Eines Abends folgte Alois ihnen. Leise. Die Kellerstiege hinunter.

    Was er hörte, reichte.

    Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Stille. Drei Blicke. Dann explodierte der Keller in Worten. Alois schrie, Fred wich zurück, Olga weinte und griff ins Leere. Alois stolperte einen Schritt nach vorn, die Hand an der Brust, das Gesicht plötzlich aschfahl. Er wollte noch etwas sagen – vielleicht fluchen, vielleicht flehen – doch es kam nur ein heiserer Laut.

    Er sackte zwischen Kohlesäcken zusammen.

    Fred rannte. Olga schrie. Oben im Wirtshaus verstummten die Gläser.

    Alois starb, bevor der Doktor kam. Der „Goldene Hirschen“ sperrte Monate später wieder auf. Mit neuer Wirtin. Ohne Fred. Und mit einem Kohlenkeller, den niemand mehr allein betreten wollte.