Kategorie: Geschichten

  • 145_Wir warten unser Leben lang

    Wir warten auf den Freitag.
    Wir warten auf den Ersten, weil dann endlich wieder Geld am Konto ist.
    Wir warten auf den Geburtstag.
    Wir warten auf den Sommer.
    Wir warten auf Weihnachten.
    Wir warten darauf, dass „es besser wird“, „ruhiger wird“, „anders wird“.
    Und während wir warten, rinnt sie uns durch die Finger – diese kostbare, unwiederbringliche Lebenszeit.

    Das Warten ist inzwischen fast schon ein Volkssport geworden. Montag warten wir auf Freitag, unter der Woche auf das Wochenende, im Jahr auf den Urlaub, im Leben auf irgendwann. Irgendwann, wenn mehr Zeit ist. Irgendwann, wenn weniger Stress ist. Irgendwann, wenn… ja wenn was eigentlich? Während wir brav auf all diese Termine starren wie auf Fahrpläne, fährt unser eigener Zug ganz leise weiter. Ohne Pause. Ohne Rückfahrkarte.

    Das Gemeine daran: Wir merken es oft erst, wenn wieder ein Monat vorbei ist. Oder ein Jahr. Oder ein Mensch. Oder ein Traum.

    Dabei liegt das Leben nicht am Freitag. Nicht am Ersten. Nicht unterm Christbaum. Es liegt heute. In diesem einen, unscheinbaren, völlig unperfekten Tag. Und der will nicht, dass wir auf ihn warten. Der will, dass wir ihn benutzen.

    Also vielleicht heute einmal nicht warten.
    Nicht auf besseres Wetter. Nicht auf bessere Laune. Nicht auf den richtigen Moment.
    Vielleicht heute einfach raus. In die Natur. In den Wald. An die Traun. Auf einen Hügel. Auf eine Bank. Oder wenigstens ans offene Fenster. Luft holen. Schauen. Hören. Spüren, dass man da ist.

    Denn Lebenszeit ist keine Ware, die man ansparen kann.
    Sie ist ein Gutschein, der jeden Tag ein kleines Stück kürzer wird – und nirgends steht, wie lang er ursprünglich war.

    Und jetzt entschuldige mich bitte… ich warte nicht mehr. Ich gehe eine Runde leben.

  • 138_Wirthausgeschichten

    Das Pantscherl vom Kohlenkeller

    Um 1970 war der „Goldene Hirschen“ das zweite Wohnzimmer der halben Stadt. Und Alois war sein unangefochtener Herrscher: laut, breitschultrig, mit einer Stimme wie ein leerer Mostkrug. Olga wirbelte zwischen Tischen und Zapfhahn, hübsch, resolut – und seit einiger Zeit mit einem Glanz in den Augen, den Alois nicht kannte.

    Der Glanz trug den Namen Fred. Neu in der Stadt, geschniegelt, immer ein Lächeln auf den Lippen und ein Trinkgeld in der Hand. Wenn Olga ihm das Bier brachte, blieb sein Blick zu lange, sein Lächeln zu offen. Und Olgas Schritte wurden langsamer, ihr Lachen leiser.

    Als Alois krank im Bett lag, rutschte eines Abends ein Zettel mit dem Krug über den Tisch: 22 Uhr. Kellerstiege.
    Unten, zwischen Kohlen und Staub, trafen sich Wärme und Verlangen. Heimlich. Atemlos. Tag für Tag, solange oben nur Stille und Husten herrschten.

    Doch Wirtshäuser haben Ohren. Und Böden, die Geräusche tragen.

    Als Alois wieder hinter der Schank stand, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Olga verschwand. Fred auch. Zu oft. Zu lang. Eines Abends folgte Alois ihnen. Leise. Die Kellerstiege hinunter.

    Was er hörte, reichte.

    Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Stille. Drei Blicke. Dann explodierte der Keller in Worten. Alois schrie, Fred wich zurück, Olga weinte und griff ins Leere. Alois stolperte einen Schritt nach vorn, die Hand an der Brust, das Gesicht plötzlich aschfahl. Er wollte noch etwas sagen – vielleicht fluchen, vielleicht flehen – doch es kam nur ein heiserer Laut.

    Er sackte zwischen Kohlesäcken zusammen.

    Fred rannte. Olga schrie. Oben im Wirtshaus verstummten die Gläser.

    Alois starb, bevor der Doktor kam. Der „Goldene Hirschen“ sperrte Monate später wieder auf. Mit neuer Wirtin. Ohne Fred. Und mit einem Kohlenkeller, den niemand mehr allein betreten wollte.