Autor: Klezi

  • 147_Pensionistenstress – Samstag

    Samstag wollte ich gemütlich beginnen. Zeitung, Kaffee, ein ruhiger Blick in den Garten. Stattdessen herrscht Hochbetrieb. Jeder will etwas. Jetzt. Sofort. Der Kaffee wird kalt, ich bleibe gelassen. Pensionistenstress ist kein Ärger. Es ist eine Lebensform.

  • 146_Pensionistenstress – Freitag

    Freitag fühlt sich fast wie Wochenende an. Fast. Die Tiere kennen diesen Unterschied nicht. Gefüttert wird pünktlich, egal welcher Tag im Kalender steht. Ich auch. Mit Kaffee in der Hand und Müdigkeit in den Knochen. Pensionist sein ist wie Bereitschaftsdienst – nur mit mehr Fell.

  • 145_Wir warten unser Leben lang

    Wir warten auf den Freitag.
    Wir warten auf den Ersten, weil dann endlich wieder Geld am Konto ist.
    Wir warten auf den Geburtstag.
    Wir warten auf den Sommer.
    Wir warten auf Weihnachten.
    Wir warten darauf, dass „es besser wird“, „ruhiger wird“, „anders wird“.
    Und während wir warten, rinnt sie uns durch die Finger – diese kostbare, unwiederbringliche Lebenszeit.

    Das Warten ist inzwischen fast schon ein Volkssport geworden. Montag warten wir auf Freitag, unter der Woche auf das Wochenende, im Jahr auf den Urlaub, im Leben auf irgendwann. Irgendwann, wenn mehr Zeit ist. Irgendwann, wenn weniger Stress ist. Irgendwann, wenn… ja wenn was eigentlich? Während wir brav auf all diese Termine starren wie auf Fahrpläne, fährt unser eigener Zug ganz leise weiter. Ohne Pause. Ohne Rückfahrkarte.

    Das Gemeine daran: Wir merken es oft erst, wenn wieder ein Monat vorbei ist. Oder ein Jahr. Oder ein Mensch. Oder ein Traum.

    Dabei liegt das Leben nicht am Freitag. Nicht am Ersten. Nicht unterm Christbaum. Es liegt heute. In diesem einen, unscheinbaren, völlig unperfekten Tag. Und der will nicht, dass wir auf ihn warten. Der will, dass wir ihn benutzen.

    Also vielleicht heute einmal nicht warten.
    Nicht auf besseres Wetter. Nicht auf bessere Laune. Nicht auf den richtigen Moment.
    Vielleicht heute einfach raus. In die Natur. In den Wald. An die Traun. Auf einen Hügel. Auf eine Bank. Oder wenigstens ans offene Fenster. Luft holen. Schauen. Hören. Spüren, dass man da ist.

    Denn Lebenszeit ist keine Ware, die man ansparen kann.
    Sie ist ein Gutschein, der jeden Tag ein kleines Stück kürzer wird – und nirgends steht, wie lang er ursprünglich war.

    Und jetzt entschuldige mich bitte… ich warte nicht mehr. Ich gehe eine Runde leben.

  • 144_Stuhlprobe

    Der wahre Endgegner

    Der wahre Endgegner

    Ich hatte im Dezember eine Magenblutung.
    Richtig gelesen. Magenblutung.
    Krankenhaus. Ärzte. Blutinfusionen. Ernsthafte Blicke. Bedeutungsvolle Nicker.
    Alles sehr erwachsen.

    Im Dezember war das. Wurde behandelt, alles gut, vier Wochen später kam die Nachkontrolle.
    Meine Ärztin, freundlich wie immer, sagt beiläufig:
    „Bringen’s ma bitte a Stuhlprobe.“

    So. Stuhlprobe.

    Klingt harmlos. Fast gemütlich.
    Wie etwas, das der Mensch seit Jahrtausenden problemlos erledigt.

    Ich nicke souverän.
    Innerlich denke ich: Kein Problem. Das hab ich. Ich bin Profi. Ich bin über 60, ich hab schon ganz andere Dinge gemeistert.

    Zuhause stehe ich dann vor meiner WC-Schüssel.

    Und sie steht da wie immer.
    Weiß. Glänzend. Harmlos.

    Nur heute seh ich sie anders.
    Heute seh ich:

    👉 Der Abfluss ist mitten in der Schüssel.

    Mitten drin.
    Nicht hinten.
    Nicht dezent am Rand.
    Nein.
    Mitten.
    Wie ein schwarzes Loch.

    Und plötzlich ist sie da, die Frage aller Fragen:
    Wie, bitteschön, soll da eine Stuhlprobe entstehen, die nicht sofort auf Nimmerwiedersehen verschwindet?

    Ich steh da.
    Schau die Schüssel an.
    Die Schüssel schaut zurück.
    Wir wissen beide: Das wird heute kein Routinejob.

    In meinem Kopf beginnt eine Art technische Einsatzbesprechung.

    Gut, Klezi. Denken wir logisch.
    Variante A: Glück.
    Variante B: Akrobatik.
    Variante C: Kreativität.

    Variante A verwerfe ich sofort.
    Ich hab schon Lose gerubbelt. Ich weiß, wie das endet.

    Also bleibt: Kreativität.

    Ich beginne, mein Badezimmer mit anderen Augen zu sehen.
    Nicht als Ort der Entspannung.
    Sondern als Werkstatt.

    Ich scanne meine Umgebung wie MacGyver.
    Schale?
    Becher?
    Irgendwas, das nicht sofort in die Unterwelt abtaucht?

    In dem Moment wird mir klar:
    Der Mensch mag auf den Mond geflogen sein, aber für die Stuhlprobe im Mittelloch-WC gibt es keinen Nobelpreis.

    Es ist ein stiller, würdevoller, aber innerlich höchst amüsanter Kampf.
    Mensch gegen Keramik.
    Geist gegen Schwerkraft.
    Erfahrung gegen Sanitärtechnik.

    Und während ich da so plane, schmunzle ich.
    Weil ich mir denke:
    Du hast eine Magenblutung überstanden. Und jetzt stehst du da und führst Verhandlungen mit einer WC-Schüssel.

    Am Ende – so viel sei verraten – ging alles gut.
    Die Medizin bekam, was sie wollte.
    Und ich bekam eine Geschichte.

    Soviel sei gesagt:
    Ich löste dieses hochkomplexe medizinisch-technische Problem mit einer fünffachen Lage Küchenrolle
    und einer kleinen, kontrollierten WC-Verstopfung.

    Manche bauen Brücken.
    Manche schreiben Gedichte.
    Ich habe kurzzeitig den natürlichen Wasserfluss unterbrochen.

    Eine Geschichte, die mir wieder gezeigt hat:
    Das Leben schickt uns manchmal keine Drachen.
    Keine Abgründe.
    Keine Stürme.

    Manchmal schickt es uns einfach nur ein WC mit Mittelloch.
    Und sagt:
    „So, Klezi. Jetzt zeig einmal, was du aus dem machst.“

  • 143_Pensionistenstress – Donnerstag

    Am Donnerstag nehme ich mir immer vor, nichts zu tun. Gar nichts. Dann sitzt der Hase im Garten und frisst mein Gemüse. Seelenruhig. Ich steh da, er schaut mich an. Keiner rührt sich. Am Ende gehe ich wieder rein. Pensionistenstress bedeutet manchmal: verlieren, ohne gekämpft zu haben.

  • 142_Knödelwettessen am Stadtplatz

    Es begann alles ganz harmlos.
    Ein sonniger Tag, der Welser Stadtplatz, gute Laune – und das legendäre Ködelwettessen.„Nur kosten“, hab ich gesagt.
    „Maximal zwei“, hab ich gesagt.
    „Des rutscht eh leicht runter“, hab ich gesagt.

    Tja.

    Nach dem fünften Knödel begann der Turm schon leicht zu schwanken.
    Nach dem siebten knöpfte sich mein Gürtel beleidigt auf.
    Und nach dem zehnten passierte es.Ein kurzer Spaziergang Richtung Ledererturm, ein neugieriger Blick in die Durchfahrt –und schwupps
    drinnen.

    Nicht eingesperrt von Mauern.
    Nicht von Gittern.
    Nicht von einem schweren Tor.

    Sondern von mir selbst.

    Ich steckte fest wie ein Sektkorken nach Silvester.
    Die Tauben lachten.
    Ein Tourist machte Fotos.
    Ein Kind fragte seine Mutter:
    „Mama, ist das jetzt Kunst oder kann der weg?“

    Die Feuerwehr wurde schon nervös,
    die Stadt überlegte kurz, mich als neues Wahrzeichen anzumelden,
    und ich?
    Ich lächelte tapfer – wie man sieht – und dachte mir:

    👉 Klezi, das war eindeutig ein Knödel zu viel.

    Erst nach drei Stunden, zwei Seilen, einer Seife und dem Versprechen, ein Jahr lang keine Semmelknödel mehr anzuschauen, war ich wieder frei.

    Seitdem weiß man in Wels:
    Der Ledererturm ist historisch.
    Aber als Klezi im Ledererturm steckte – war legendär.

  • 141_Pensionistenstress – Mittwoch

    Pensionistenstress – Mittwoch

    Mittwoch ist mein geheimer Ausschlaftag. Dachte ich zumindest. Die Vögel im Garten hatten andere Pläne. Um halb sieben ist Konzertbeginn. Ohne Eintritt, ohne Pause. Also raus, Futter nachfüllen, gähnen. Während sie zufrieden picken, frage ich mich, wie ich früher gearbeitet habe. Heute fehlt mir dafür eindeutig die Zeit.

  • 140_Pensionistenstress-Dienstag

    Der Dienstag startet ruhig. Kein Wecker, kein Druck. Bis ich in die Küche komme. Die Katze sitzt vor dem Napf und schaut beleidigt. Ein Blick, der sagt: „Du bist spät.“ Diskussion zwecklos. Also füttern. Pensionist zu sein heißt nicht frei zu sein. Es heißt, ständig beobachtet zu werden – von Wesen mit Schnurrhaaren.

  • 139_Pensionistenstress – Montag

    Montag. Früher war das der Tag, an dem man sich aus dem Bett gequält hat. Heute wäre Ausschlafen möglich – theoretisch. Praktisch sitzt der Hund schon neben dem Bett und schaut mich an, als hätte er einen Termin beim Bürgermeister. Also aufstehen. Leine nehmen. Rausgehen. Pensionistenstress beginnt dort, wo andere glauben, man hätte Zeit.

  • 138_Wirthausgeschichten

    Das Pantscherl vom Kohlenkeller

    Um 1970 war der „Goldene Hirschen“ das zweite Wohnzimmer der halben Stadt. Und Alois war sein unangefochtener Herrscher: laut, breitschultrig, mit einer Stimme wie ein leerer Mostkrug. Olga wirbelte zwischen Tischen und Zapfhahn, hübsch, resolut – und seit einiger Zeit mit einem Glanz in den Augen, den Alois nicht kannte.

    Der Glanz trug den Namen Fred. Neu in der Stadt, geschniegelt, immer ein Lächeln auf den Lippen und ein Trinkgeld in der Hand. Wenn Olga ihm das Bier brachte, blieb sein Blick zu lange, sein Lächeln zu offen. Und Olgas Schritte wurden langsamer, ihr Lachen leiser.

    Als Alois krank im Bett lag, rutschte eines Abends ein Zettel mit dem Krug über den Tisch: 22 Uhr. Kellerstiege.
    Unten, zwischen Kohlen und Staub, trafen sich Wärme und Verlangen. Heimlich. Atemlos. Tag für Tag, solange oben nur Stille und Husten herrschten.

    Doch Wirtshäuser haben Ohren. Und Böden, die Geräusche tragen.

    Als Alois wieder hinter der Schank stand, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Olga verschwand. Fred auch. Zu oft. Zu lang. Eines Abends folgte Alois ihnen. Leise. Die Kellerstiege hinunter.

    Was er hörte, reichte.

    Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Stille. Drei Blicke. Dann explodierte der Keller in Worten. Alois schrie, Fred wich zurück, Olga weinte und griff ins Leere. Alois stolperte einen Schritt nach vorn, die Hand an der Brust, das Gesicht plötzlich aschfahl. Er wollte noch etwas sagen – vielleicht fluchen, vielleicht flehen – doch es kam nur ein heiserer Laut.

    Er sackte zwischen Kohlesäcken zusammen.

    Fred rannte. Olga schrie. Oben im Wirtshaus verstummten die Gläser.

    Alois starb, bevor der Doktor kam. Der „Goldene Hirschen“ sperrte Monate später wieder auf. Mit neuer Wirtin. Ohne Fred. Und mit einem Kohlenkeller, den niemand mehr allein betreten wollte.