186_Der Mann, der unter Wels verschwand

Die Geschichte – Tag 2

Um Punkt 21:17 stand ich beim Ledererturm, und ich fühlte mich ein wenig lächerlich, weil ich einem Stück Papier folgte wie ein Schulbub einer Schnitzeljagd, doch gleichzeitig lag in der Luft etwas Eigenartiges, eine Stille, die nicht zur Uhrzeit passte. Der Turm stand da wie immer, ruhig und schwer, mit jener Gleichgültigkeit alter Mauern, die schon alles gesehen haben und nichts mehr kommentieren.

Die Uhr auf meinem Handy sprang auf 21:17, und in genau diesem Moment hörte ich ein leises metallisches Klacken, nicht laut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber deutlich genug, um nicht überhört zu werden. Ich sah mich um. Niemand reagierte. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.

Am Sockel des Turmes lag ein weiterer Zettel, sauber gefaltet. Ich hob ihn auf. Darauf stand nur ein Satz: „Nicht oben. Darunter.“

Ich strich mit der Hand über das Mauerwerk, als könnte ich ertasten, was damit gemeint war, und dachte an alte Geschichten über Gänge, Keller, vergessene Verbindungen zwischen Türmen und Toren. Es war nichts Konkretes, nur ein Gedanke, aber er setzte sich fest.

Als ich später nach Hause ging, wusste ich, dass es am nächsten Abend nicht mehr nur ums Beobachten gehen würde. Wenn es ein Darunter gab, dann würde ich es finden wollen.

Und zum ersten Mal fragte ich mich, wer diese Zettel wirklich schrieb – und woher er wusste, dass ich kommen würde.

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