1: Das Fahrrad am Stadtplatz

Manchmal beginnt etwas nicht mit einem Knall, sondern mit einem Detail, das eigentlich keiner beachtet. Es war ein gewöhnlicher Nachmittag am Stadtplatz in Wels, Menschen gingen ihren Erledigungen nach, irgendwo klapperte Geschirr von einem Kaffeehaus, und ich blieb stehen, weil ein altes schwarzes Fahrrad an der Mauer lehnte, ohne Schloss, ohne sichtbaren Besitzer, aber mit einem Zettel am Lenker. Ich weiß nicht, warum mich so etwas interessiert, vielleicht weil ich Zeit habe, vielleicht weil ich schon immer geglaubt habe, dass Städte ihre Geschichten nicht laut erzählen, sondern leise zwischen Pflastersteinen und Mauern verstecken.
Auf dem Zettel stand nur ein einziges Wort: „Heute.“ Kein Name, keine Erklärung, kein Scherz. Heute kann alles sein – ein Anfang, ein Ende oder einfach nur ein ganz normaler Dienstag. Ich sah mich um, ob jemand das Ganze beobachtete, doch die Menschen gingen an mir vorbei wie immer, jeder mit seinem eigenen Heute beschäftigt.
Als ich den Zettel umdrehte, war auf der Rückseite eine kleine Skizze. Ein Turm. Schnell gezeichnet, nicht besonders kunstvoll, aber eindeutig. Darunter stand eine Uhrzeit: 21:17.
Zuhause ließ mich dieser Gedanke nicht mehr los. Es war nichts Bedrohliches daran, eher ein leises Ziehen, wie wenn man ein Buch aufschlägt und weiß, dass man weiterlesen wird, obwohl man es eigentlich nicht geplant hatte. Vielleicht war es ein Scherz. Vielleicht eine Verabredung. Vielleicht hatte ich einfach zu viel Fantasie.
Und doch wusste ich, dass ich um 21:17 dort stehen würde. Nicht, weil ich Abenteuer suche. Sondern weil ich es nicht mag, wenn Fragen offen bleiben.
