Die Geschichte – Tag 4

Der Name an der Wand
Ich stand einen Moment vor der Tür am Ende des Ganges, die Hand am Metallgriff, und fragte mich nicht, ob ich sie öffnen sollte, sondern eher, was ich hinter mir lassen würde, wenn ich es tat. Über mir die vertraute Stadt, unter mir dieser Raum, der weder bedrohlich noch einladend wirkte, sondern einfach vorhanden. Schließlich drückte ich den Griff langsam nach unten. Die Tür öffnete sich ohne Widerstand.
Dahinter lag ein größerer Raum, gemauert aus alten Ziegeln, höher als der Gang, fast wie ein kleines Gewölbe. Kein Staub aus Jahrhunderten, kein Gerümpel, sondern Ordnung. Regale an der Wand, einige Kisten, sauber beschriftet, als würde hier jemand arbeiten, nicht hausen. Eine einzelne Lampe brannte an der Decke und tauchte alles in warmes, ruhiges Licht.
Ich ging ein paar Schritte hinein und spürte sofort, dass dieser Ort nicht vergessen war. Er war benutzt. Bewusst. Gepflegt. Es war kein Zufallsfund, sondern ein Raum mit Absicht.
An der gegenüberliegenden Wand stand ein Name, mit Kreide geschrieben, groß und klar: Leopold. Darunter ein Datum von vor zweiundvierzig Jahren.
Ich musste schlucken. Der Name war mir bekannt. In Wels kannte man diese Geschichte, zumindest bruchstückhaft. Ein Mann, der eines Tages einfach nicht mehr aufgetaucht war. Kein Abschied, keine Erklärung. Man hatte gesucht, spekuliert, irgendwann geschwiegen.
Neben dem Namen war ein kleiner Pfeil gezeichnet, der auf eine Kiste am Boden zeigte. Ich kniete mich hin und wischte mit der Hand über das Holz. Auf dem Deckel war ein schlichtes „L.“ eingeritzt.
In diesem Moment fiel hinter mir die Tür ins Schloss. Kein Krachen, kein Drama. Nur dieses endgültige Geräusch, das einem klar macht, dass man nicht mehr allein ist.
Ich drehte mich langsam um. Der Gang war noch da. Die Lampe brannte. Aber die Atmosphäre hatte sich verändert. Sie war dichter geworden, als würde jemand den Raum betreten haben, ohne dass ich es gesehen hatte.
Dann hörte ich Schritte. Ruhig. Gleichmäßig. Nicht hastig.
Und ich wusste, dass ich gleich erfahren würde, ob Leopold nur ein Name an der Wand war – oder mehr.
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