154_ Wirtshausgeschichten

Der Stammtisch hält durch

Sie sind weniger geworden, das merkt man sofort, wenn man reinkommt, der Tisch wirkt größer, die Abstände zwischen den Gläsern auch, der Karli sitzt noch da, der Sepp auch, der Wirt sowieso, der Platz vom Franz bleibt leer, genauso wie der vom Hansi, aber keiner setzt sich dorthin, nicht aus Traurigkeit, sondern aus Gewohnheit, sie reden nicht mehr so laut wie früher, nicht mehr über alles, aber über das, was bleibt, Arbeit, Wetter, Erinnerungen, manchmal auch nur über das Bier, das gleich schmeckt wie immer, der Wirt stellt die Gläser hin, ohne zu fragen, weil er weiß, wer noch kommt und wer nimmer, draußen fahren die Autos schneller vorbei, drinnen vergeht die Zeit langsamer, einer sagt, dass man auch daheim sitzen könnte, bequemer, billiger, ruhiger, der Karli schüttelt den Kopf und sagt nix, weil man manche Dinge nicht erklären kann, sie bleiben sitzen, trinken aus, bestellen noch eines, nicht aus Trotz, sondern aus Treue, der Stammtisch ist kein Ort mehr für viele, sondern für die Richtigen, und genau deshalb hält er durch.

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