
Der Himmel war heute ungewöhnlich klar, fast so, als hätte jemand extra für mich aufgeräumt. Also breitete ich die Flügel aus, setzte den Heiligenschein fest – na gut, halbwegs fest – und nahm Kurs auf die Marienwarte am Reinberg. Schon von oben wirkte sie stolz und ruhig zugleich, so wie Bauwerke, die wissen, dass sie bleiben dürfen.
1891 hatten sie sie hier errichtet, 22,8 Meter hoch, aus einer Idee heraus, die schöner kaum sein könnte: Der Verschönerungsverein Wels wollte den Menschen einen Ort schenken, von dem aus man weiter sehen kann – nicht nur mit den Augen. Damals war hier noch Wiesen- und Weideland, und erst die Wege, die Bäume, die langsam wuchsen, machten den Reinberg zu dem, was er heute ist. Während ich darüber hinwegflog, dachte ich mir: Manche Ideen bekommen erst mit der Zeit Flügel.
Ich ließ mir Zeit beim Anflug. Engel haben keinen Termindruck. Von der Plattform auf 391,1 Metern über dem Meeresspiegel öffnet sich die Welt: Wels liegt da wie ein vertrautes Zuhause, die Traun-Ebene breitet sich ruhig aus, und an klaren Tagen reicht der Blick bis zum Hausruck, zum Böhmerwald und hinüber zu den Alpen. Selbst von oben wirkt das alles nicht klein, sondern genau richtig.
Ich war nicht der Erste, der diesen Weg mochte. Erzherzogin Marie Valerie, die Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph, kam oft hierher – gemeinsam mit ihrer Mutter. Vielleicht suchten sie dasselbe wie wir heute: einen Ort, an dem man durchatmen kann, ein Stück Abstand gewinnt und trotzdem näher bei sich selbst ist.
Als ich langsam weiterflog, zeigte ich noch einmal hinunter zur Marienwarte. Man erreicht sie über die Reinberg-Runde, zu Fuß, Schritt für Schritt. Ich heute eben mit Flügeln. Aber am Ende zählt nicht, wie man ankommt, sondern dass man kurz stehen bleibt, schaut – und die Geschichte wirken lässt.
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