Schlagwort: Wirtshausgeschichten

  • 211_Wirtshausgeschichten

    Ein letzter Wirt

    Der Wirt war schon da, bevor sie gekommen sind, und er war da, wenn sie gegangen sind, er stand hinterm Tresen wie ein Fixpunkt, immer gleich, immer ruhig, er wusste, wer was trinkt, wer zahlt, wer anschreibt und wer heute besser nix mehr bekommt, ohne je viel zu reden, der Karli sagt oft, dass so einer nimmer nachkommt, der Sepp nickt, weil er weiß, dass es stimmt, an diesem Abend steht der Wirt ein bissl länger still, schaut über den leeren Raum, über die Tische, die er kennt wie andere ihre Wohnung, dann sagt er, fast nebenbei, dass es das für ihn war, dass er zusperrt, nicht morgen, nicht übermorgen, sondern bald, keiner lacht, keiner fragt warum, weil jeder weiß, dass das keine Entscheidung von gestern ist, der Wirt zapft noch einmal, stellt die Gläser hin, nicht feierlich, sondern normal, genau so, wie er immer gearbeitet hat, sie trinken, reden wenig, hören viel zu, obwohl keiner spricht, der Wirt wischt den Tresen, langsam, gründlich, so wie immer, nur dass es diesmal länger dauert, beim Gehen bleibt der Karli kurz stehen, sagt danke, der Sepp auch, der Wirt nickt, mehr braucht es nicht, und als sie draußen stehen, wissen sie, dass mit dem Wirt nicht nur ein Gasthaus verschwindet, sondern jemand, der Ordnung gehalten hat, ohne laut zu sein, und dass solche Menschen nicht ersetzt werden, sondern fehlen.

  • 156_Der Fasching, der aus dem Ruder lief

    In einem kleinen Ort – sagen wir einfach irgendwo zwischen Dorfplatz und Wirtshaus – beschloss der Faschingsverein heuer alles anders zu machen. „Heuer wird’s modern!“, sagte Obmann Sepp mit ernster Miene. Was genau modern bedeutete, wusste keiner. Aber es klang wichtig.

    Der Bürgermeister kam als Superheld. Leider war das Kostüm aus dem Internet eher Größe „Kinderfasching 8–10 Jahre“. Er verbrachte den Abend damit, unauffällig den Bauch einzuziehen.
    Die Wirtin ging als „Influencerin“. Sie machte von jedem Krapfen ein Foto, bevor er gegessen wurde. Nach drei Stunden hatte sie 87 Bilder vom selben Tablett.
    Der Installateur erschien als Pharao. Niemand verstand warum, aber er erklärte jedem, dass er „auf alten Leitungen spezialisiert“ sei.

    Der Höhepunkt sollte die große Maskenprämierung sein. Der erste Preis: Ein Geschenkkorb mit Wurst, Schnaps und einem mysteriösen Glas Essiggurken, das vermutlich schon mehrere Faschingssaisonen überlebt hatte.

    Und dann geschah es.

    Ein Außerirdischer betrat den Saal. Komplett in Silber, blinkende Lichter, Nebelmaschine am Rücken. Die Musik stoppte. Die Kinder schrien begeistert. Der Bürgermeister wollte sofort ein Selfie.

    Nach einer dramatischen Pause zog der Außerirdische den Helm ab.

    Es war die 82-jährige Frau Huber.

    „I hob gsagt, heuer moch i wos Modernes!“, rief sie und zündete – warum auch immer – eine kleine Konfettikanone.

    Das Problem: Der Nebel vom Alien-Rucksack war noch aktiv. Innerhalb von Sekunden sah man im Saal nichts mehr. Der DJ spielte aus Versehen Trauermarsch statt Polonaise. Der Pharao stolperte über eine Giraffenmaske. Der Bürgermeister verlor sein Cape. Und irgendwo schrie jemand: „WER HAT DEN KRAPFEN MIT SENF ERWISCHT?!“

    Als sich der Nebel endlich verzog, saßen alle lachend am Boden.

    Die Jury entschied einstimmig:
    Erster Platz – Frau Huber als Außerirdische.

    Begründung:
    „Weil ma so wos no nie gsehn ham. Und weil’s uns alle zamg’haut hat.“

    Und seitdem weiß man im Ort:
    Fasching ist nicht dann gelungen, wenn alles perfekt läuft.
    Sondern wenn der Nebel dichter ist als der Plan.

  • 154_ Wirtshausgeschichten

    Der Stammtisch hält durch

    Sie sind weniger geworden, das merkt man sofort, wenn man reinkommt, der Tisch wirkt größer, die Abstände zwischen den Gläsern auch, der Karli sitzt noch da, der Sepp auch, der Wirt sowieso, der Platz vom Franz bleibt leer, genauso wie der vom Hansi, aber keiner setzt sich dorthin, nicht aus Traurigkeit, sondern aus Gewohnheit, sie reden nicht mehr so laut wie früher, nicht mehr über alles, aber über das, was bleibt, Arbeit, Wetter, Erinnerungen, manchmal auch nur über das Bier, das gleich schmeckt wie immer, der Wirt stellt die Gläser hin, ohne zu fragen, weil er weiß, wer noch kommt und wer nimmer, draußen fahren die Autos schneller vorbei, drinnen vergeht die Zeit langsamer, einer sagt, dass man auch daheim sitzen könnte, bequemer, billiger, ruhiger, der Karli schüttelt den Kopf und sagt nix, weil man manche Dinge nicht erklären kann, sie bleiben sitzen, trinken aus, bestellen noch eines, nicht aus Trotz, sondern aus Treue, der Stammtisch ist kein Ort mehr für viele, sondern für die Richtigen, und genau deshalb hält er durch.

  • 151_Wirtshausgeschichten

    Die letzte Sperrstund

    Es war keine besondere Nacht, kein Fest, kein Abschied, der Stammtisch war besetzt wie so oft, nicht voll, nicht leer, einfach da, der Wirt stand hinterm Tresen, das Licht war ein bissl heller als sonst, aber keiner sagte was, sie redeten über Kleinigkeiten, über nix, was hängen bleibt, der Karli schaute öfter auf die Uhr, obwohl er keinen Termin hatte, der Sepp trank langsamer, als würde er Zeit strecken, der Wirt sagte irgendwann leise, dass er bald zusperrt, nicht streng, nicht müde, eher sachlich, wie jemand, der eine Entscheidung schon länger kennt, keiner widersprach, keiner fragte nach, sie bestellten noch eine Runde, die letzte, ohne es auszusprechen, die Gläser blieben länger stehen, man trank langsamer, nicht aus Durst, sondern aus Gewohnheit, draußen war es still, drinnen auch, irgendwann stellte der Wirt die Musik ab, wischte den Tresen ein letztes Mal, obwohl er sauber war, der Karli stand auf, der Sepp auch, einer nach dem anderen zog die Jacke an, ohne Schmäh, ohne Versprechen auf morgen, der Wirt nickte jedem zu, sagte danke, und als die Tür ins Schloss fiel, blieb der Stammtisch leer zurück, nicht traurig, nicht wütend, einfach fertig, und erst da verstanden sie, dass manche Sperrstunden nicht für eine Nacht gelten, sondern für immer.

  • 138_Wirthausgeschichten

    Das Pantscherl vom Kohlenkeller

    Um 1970 war der „Goldene Hirschen“ das zweite Wohnzimmer der halben Stadt. Und Alois war sein unangefochtener Herrscher: laut, breitschultrig, mit einer Stimme wie ein leerer Mostkrug. Olga wirbelte zwischen Tischen und Zapfhahn, hübsch, resolut – und seit einiger Zeit mit einem Glanz in den Augen, den Alois nicht kannte.

    Der Glanz trug den Namen Fred. Neu in der Stadt, geschniegelt, immer ein Lächeln auf den Lippen und ein Trinkgeld in der Hand. Wenn Olga ihm das Bier brachte, blieb sein Blick zu lange, sein Lächeln zu offen. Und Olgas Schritte wurden langsamer, ihr Lachen leiser.

    Als Alois krank im Bett lag, rutschte eines Abends ein Zettel mit dem Krug über den Tisch: 22 Uhr. Kellerstiege.
    Unten, zwischen Kohlen und Staub, trafen sich Wärme und Verlangen. Heimlich. Atemlos. Tag für Tag, solange oben nur Stille und Husten herrschten.

    Doch Wirtshäuser haben Ohren. Und Böden, die Geräusche tragen.

    Als Alois wieder hinter der Schank stand, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Olga verschwand. Fred auch. Zu oft. Zu lang. Eines Abends folgte Alois ihnen. Leise. Die Kellerstiege hinunter.

    Was er hörte, reichte.

    Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Stille. Drei Blicke. Dann explodierte der Keller in Worten. Alois schrie, Fred wich zurück, Olga weinte und griff ins Leere. Alois stolperte einen Schritt nach vorn, die Hand an der Brust, das Gesicht plötzlich aschfahl. Er wollte noch etwas sagen – vielleicht fluchen, vielleicht flehen – doch es kam nur ein heiserer Laut.

    Er sackte zwischen Kohlesäcken zusammen.

    Fred rannte. Olga schrie. Oben im Wirtshaus verstummten die Gläser.

    Alois starb, bevor der Doktor kam. Der „Goldene Hirschen“ sperrte Monate später wieder auf. Mit neuer Wirtin. Ohne Fred. Und mit einem Kohlenkeller, den niemand mehr allein betreten wollte.

  • 127_Wirtshausgeschichten

    Wenn der Wirt die Zeitung weglegt

    Der Abend lief ruhig dahin, wie so viele, der Stammtisch war besetzt, die Gespräche leicht, ein bissl Arbeit, ein bissl Sudern, nichts Besonderes, der Wirt stand hinterm Tresen und las Zeitung, so wie immer, halb interessiert, halb Gewohnheit, doch dann legte er sie langsam zusammen, ganz ordentlich, und genau das merkten alle, weil wenn der Wirt die Zeitung weglegt, dann ist etwas im Raum, das schwerer ist als ein Schmäh, der Sepp hörte auf zu reden, der Karli stellte das Glas ab, der Franz schaute auf, der Wirt sagte nichts, aber sein Blick ging einmal rund um den Tisch, und irgendwann sagte er leise, dass der alte Hansi gestorben ist, einfach so, gestern Nacht, Herz, keiner hatte es kommen sehen, es wurde still, nicht schockiert, sondern leer, weil jeder von ihnen wusste, wie oft der Hansi genau dort gesessen war, wie oft er gezahlt hatte, wie oft er gegangen war mit dem Satz „bis morgen“, der Wirt stellte ein Schnapsglas in die Mitte, ohne zu fragen, ohne Kommentar, sie tranken schweigend, und in diesem Moment verstand jeder, dass ein Wirtshaus nicht laut trauert, sondern gemeinsam, und dass es Dinge gibt, über die man nicht redet, sondern die man aushält, zusammen, bis der Abend weitergeht, langsamer als vorher.

  • 121_Wirtshausgeschichten

    Der Neue

    Er ist einfach dag’sessen, ohne große Ankündigung, der Neue, keiner kannte ihn so recht, er hat sich an den Rand vom Stammtisch gesetzt, ein Bier bestellt und zuerst nur zugehört, was im Wirtshaus immer verdächtig ist, weil wer nix sagt, denkt meistens viel, der Karli hat ihn von der Seite angeschaut, der Sepp hat ihm gleich eine Frage gestellt, wie er heißt und woher er kommt, der Neue hat ruhig geantwortet, nicht ausweichend, aber auch nicht breit, der Franz hat nur genickt, weil er solche Typen kennt, nach dem zweiten Bier hat der Neue dann angefangen mitzureden, sachlich, g’scheit, ein bissl zu g’scheit vielleicht, er wusste bei allem etwas, Politik, Arbeit, früher, heute, sogar beim Fußball hatte er Zahlen parat, und langsam wurde der Tisch stiller, nicht weil’s uninteressant war, sondern weil keiner gern belehrt wird, irgendwann sagte der Karli halblaut, dass früher auch ned alles besser war, aber wenigstens einfacher, der Neue wollte ansetzen, erklären, relativieren, da legte der Wirt ihm die Hand auf den Tisch, nicht grob, nicht streng, nur bestimmt, und sagte ruhig, dass am Stammtisch jeder reden darf, aber keiner Recht haben muss, der Neue schwieg, schaute ins Glas, nickte langsam, und nach einer Weile lachte er und zahlte eine Runde, und ab da war er nicht mehr der Neue, sondern einer von denen, die verstanden haben, dass man im Wirtshaus nicht glänzen muss, sondern bleiben.