153_Der heimliche Lebenszeit-Dieb

Der heimliche Lebenszeit-Dieb auf der Freilandstraße

Du kennst diese Situation. Freilandstraße, erlaubt sind hundert, die Straße ist übersichtlich, das Wetter passt, der Motor schnurrt – und dann fährt vor dir jemand mit siebzig. Kein Überholen möglich. Gegenverkehr. Kurven. Leitlinie. Und hinter dir werden es immer mehr.

Fünf Autos. Zehn. Fünfzehn. Am Ende ein kleiner Wanderzirkus aus Blech, Geduld und leise kochendem Blutdruck. Zwanzig Fahrzeuge, die sich wie eine Perlenkette an einen einzigen Stoßfänger klammern.

Der vordere Herr fährt ruhig. Vielleicht hört er Musik. Vielleicht denkt er an früher. Vielleicht genießt er einfach den Tag. Und rein rechtlich macht er nichts falsch. Er fährt ja. Nur eben langsam.

Was dabei kaum jemand bedenkt: In diesem Moment passiert etwas Seltsames. Da steht plötzlich Zeit im Stau. Nicht nur Blech. Nicht nur Motoren. Sondern Lebenszeit.

Wenn zwanzig Autos etwa fünfzehn Minuten hinter einem einzigen langsameren Fahrzeug herrollen, dann verliert nicht „der Stau“ Zeit. Jeder Einzelne verliert ein Stück davon. Fünf Minuten. Vielleicht zehn. Minuten, die niemand zurückgibt. Minuten, die sich nirgends gutschreiben lassen. Minuten, die einfach weg sind.

Natürlich ist das keine Tragödie. Niemand stirbt an einem langsamen Autofahrer. Aber es ist ein gutes Bild für etwas, das wir dauernd erleben – und kaum beachten. Wie leicht Lebenszeit verschwindet. Still. Unspektakulär. Ohne Drama. Einfach, weil wir irgendwo festhängen.

Im Auto.
In Wartezimmern.
In Schlangen.
In Endlosschleifen.
In Situationen, die wir hinnehmen, weil „es halt so ist“.

Und während wir nach vorne auf den Kofferraum starren, vergeht hinten unser Tag.

Vielleicht ist das gar kein Text über Autofahrer. Vielleicht ist es ein Text über Achtsamkeit. Über die Frage, wie oft wir Zeit verlieren, ohne es zu merken. Und wie wertvoll selbst fünf Minuten eigentlich wären, wenn man sie bewusst verwenden würde.

Nicht jeder Stau lässt sich auflösen. Nicht jede Situation ändern. Aber vielleicht lässt sich der Blick ändern. Vielleicht kann man in solchen Momenten wenigstens aufhören, nur zu warten – und anfangen, sie zu füllen. Mit Gedanken. Mit Musik. Mit einem Lächeln. Mit Gelassenheit. Oder einfach mit dem stillen Wissen: Auch das ist Leben. Auch das zählt.

Denn Lebenszeit geht nicht nur in großen Dramen verloren.
Oft verschwindet sie ganz gemütlich mit siebzig auf der Freilandstraße.

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