191_Als die Marienwarte gestohlen wurde

Es war ein ganz normaler Abend in Wels, nichts Besonderes, kein Ereignis, das man sich gemerkt hätte, die Lichter gingen an wie immer und oben am Reinberg stand die Marienwarte ruhig da, so wie sie es schon seit Jahren tat, fest verankert im Bild der Stadt, ein Punkt, an den man gar nicht mehr bewusst dachte, weil er einfach immer da war.

Am nächsten Morgen war sie weg.

Nicht kaputt, nicht eingestürzt, nicht einmal ein Stein lag herum, dort war nur noch ein sauberer Abdruck im Boden, als hätte jemand sie vorsichtig herausgedreht, langsam und ohne Hast, als wäre das Ganze geplant gewesen und nicht einfach ein Diebstahl. Zwei Frühaufsteher standen davor, schauten hinauf, schauten sich an und sagten nichts, weil es manchmal Momente gibt, die man nicht gleich erklären muss, weil sie sowieso keinen Sinn ergeben.

Innerhalb weniger Stunden wusste es ganz Wels, die Polizei sperrte ab, Drohnen flogen, Experten redeten von „unmöglich“, und genau in diesem Moment war allen klar, dass es genau das war, was passiert war. Am zweiten Tag tauchte ein Video auf, verwackelt, unscharf, aufgenommen aus irgendeinem Fenster, man sah Lichter, große, helle Lichter, und dann hob sich die Marienwarte langsam in die Luft, nicht laut, nicht spektakulär, sondern fast ruhig, als würde sie selbst entscheiden, dass es Zeit ist zu gehen, darunter Fahrzeuge ohne Zeichen, ohne Kennzeichen, alles wirkte geordnet, beinahe elegant, und dann verschwand sie einfach in der Dunkelheit.

Die Stadt redete, am Stadtplatz, in den Cafés, auf den Bänken, jeder hatte eine Theorie, von Hightech bis geheimem Experiment, einer meinte sogar, sie sei schon lange mehr gewesen als nur ein Turm, und keiner konnte das wirklich widerlegen. Am dritten Tag kamen Bilder aus China, irgendwo stand plötzlich ein Turm, neu aufgebaut, perfekt beleuchtet, und doch sofort erkennbar, die Marienwarte, mit all ihren kleinen Unebenheiten, genau so, wie man sie kannte, nur dass sie jetzt auf der anderen Seite der Welt stand.

Und in Wels blieb etwas zurück, das schwerer zu erklären war als der Diebstahl selbst, denn dort oben fehlte nicht nur ein Bauwerk, sondern ein Stück Gefühl, etwas, das man erst bemerkt, wenn es nicht mehr da ist, und trotzdem gingen die Leute am Abend wieder hinauf, standen am leeren Platz und schauten hinaus wie immer, nur dass diesmal nichts mehr zurückschaute.

Ein paar Tage später fand jemand ein kleines Stück Metall am Boden, unscheinbar, fast wie zufällig dort liegen geblieben, er nahm es mit, ohne viel nachzudenken, und manchmal, wenn man genau hinsieht, glaubt man oben am Reinberg ein ganz kurzes Glitzern zu erkennen, nicht stark, nur für einen Moment, so als wäre die Geschichte noch nicht ganz zu Ende.

Jetzt steht die Marienwarte China…..

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