138_Wirthausgeschichten

Das Pantscherl vom Kohlenkeller

Um 1970 war der „Goldene Hirschen“ das zweite Wohnzimmer der halben Stadt. Und Alois war sein unangefochtener Herrscher: laut, breitschultrig, mit einer Stimme wie ein leerer Mostkrug. Olga wirbelte zwischen Tischen und Zapfhahn, hübsch, resolut – und seit einiger Zeit mit einem Glanz in den Augen, den Alois nicht kannte.

Der Glanz trug den Namen Fred. Neu in der Stadt, geschniegelt, immer ein Lächeln auf den Lippen und ein Trinkgeld in der Hand. Wenn Olga ihm das Bier brachte, blieb sein Blick zu lange, sein Lächeln zu offen. Und Olgas Schritte wurden langsamer, ihr Lachen leiser.

Als Alois krank im Bett lag, rutschte eines Abends ein Zettel mit dem Krug über den Tisch: 22 Uhr. Kellerstiege.
Unten, zwischen Kohlen und Staub, trafen sich Wärme und Verlangen. Heimlich. Atemlos. Tag für Tag, solange oben nur Stille und Husten herrschten.

Doch Wirtshäuser haben Ohren. Und Böden, die Geräusche tragen.

Als Alois wieder hinter der Schank stand, merkte er, dass etwas nicht stimmte. Olga verschwand. Fred auch. Zu oft. Zu lang. Eines Abends folgte Alois ihnen. Leise. Die Kellerstiege hinunter.

Was er hörte, reichte.

Mit einem Ruck riss er die Tür auf. Stille. Drei Blicke. Dann explodierte der Keller in Worten. Alois schrie, Fred wich zurück, Olga weinte und griff ins Leere. Alois stolperte einen Schritt nach vorn, die Hand an der Brust, das Gesicht plötzlich aschfahl. Er wollte noch etwas sagen – vielleicht fluchen, vielleicht flehen – doch es kam nur ein heiserer Laut.

Er sackte zwischen Kohlesäcken zusammen.

Fred rannte. Olga schrie. Oben im Wirtshaus verstummten die Gläser.

Alois starb, bevor der Doktor kam. Der „Goldene Hirschen“ sperrte Monate später wieder auf. Mit neuer Wirtin. Ohne Fred. Und mit einem Kohlenkeller, den niemand mehr allein betreten wollte.

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