144_Stuhlprobe

Der wahre Endgegner

Der wahre Endgegner

Ich hatte im Dezember eine Magenblutung.
Richtig gelesen. Magenblutung.
Krankenhaus. Ärzte. Blutinfusionen. Ernsthafte Blicke. Bedeutungsvolle Nicker.
Alles sehr erwachsen.

Im Dezember war das. Wurde behandelt, alles gut, vier Wochen später kam die Nachkontrolle.
Meine Ärztin, freundlich wie immer, sagt beiläufig:
„Bringen’s ma bitte a Stuhlprobe.“

So. Stuhlprobe.

Klingt harmlos. Fast gemütlich.
Wie etwas, das der Mensch seit Jahrtausenden problemlos erledigt.

Ich nicke souverän.
Innerlich denke ich: Kein Problem. Das hab ich. Ich bin Profi. Ich bin über 60, ich hab schon ganz andere Dinge gemeistert.

Zuhause stehe ich dann vor meiner WC-Schüssel.

Und sie steht da wie immer.
Weiß. Glänzend. Harmlos.

Nur heute seh ich sie anders.
Heute seh ich:

👉 Der Abfluss ist mitten in der Schüssel.

Mitten drin.
Nicht hinten.
Nicht dezent am Rand.
Nein.
Mitten.
Wie ein schwarzes Loch.

Und plötzlich ist sie da, die Frage aller Fragen:
Wie, bitteschön, soll da eine Stuhlprobe entstehen, die nicht sofort auf Nimmerwiedersehen verschwindet?

Ich steh da.
Schau die Schüssel an.
Die Schüssel schaut zurück.
Wir wissen beide: Das wird heute kein Routinejob.

In meinem Kopf beginnt eine Art technische Einsatzbesprechung.

Gut, Klezi. Denken wir logisch.
Variante A: Glück.
Variante B: Akrobatik.
Variante C: Kreativität.

Variante A verwerfe ich sofort.
Ich hab schon Lose gerubbelt. Ich weiß, wie das endet.

Also bleibt: Kreativität.

Ich beginne, mein Badezimmer mit anderen Augen zu sehen.
Nicht als Ort der Entspannung.
Sondern als Werkstatt.

Ich scanne meine Umgebung wie MacGyver.
Schale?
Becher?
Irgendwas, das nicht sofort in die Unterwelt abtaucht?

In dem Moment wird mir klar:
Der Mensch mag auf den Mond geflogen sein, aber für die Stuhlprobe im Mittelloch-WC gibt es keinen Nobelpreis.

Es ist ein stiller, würdevoller, aber innerlich höchst amüsanter Kampf.
Mensch gegen Keramik.
Geist gegen Schwerkraft.
Erfahrung gegen Sanitärtechnik.

Und während ich da so plane, schmunzle ich.
Weil ich mir denke:
Du hast eine Magenblutung überstanden. Und jetzt stehst du da und führst Verhandlungen mit einer WC-Schüssel.

Am Ende – so viel sei verraten – ging alles gut.
Die Medizin bekam, was sie wollte.
Und ich bekam eine Geschichte.

Soviel sei gesagt:
Ich löste dieses hochkomplexe medizinisch-technische Problem mit einer fünffachen Lage Küchenrolle
und einer kleinen, kontrollierten WC-Verstopfung.

Manche bauen Brücken.
Manche schreiben Gedichte.
Ich habe kurzzeitig den natürlichen Wasserfluss unterbrochen.

Eine Geschichte, die mir wieder gezeigt hat:
Das Leben schickt uns manchmal keine Drachen.
Keine Abgründe.
Keine Stürme.

Manchmal schickt es uns einfach nur ein WC mit Mittelloch.
Und sagt:
„So, Klezi. Jetzt zeig einmal, was du aus dem machst.“

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