254_GdmLs_Tierarzt

GdmLs = Geschichten die mein Lben schrieb

Während meiner Zeit als Spengler passierte mir einmal ein Arbeitsunfall, den ich bis heute nicht vergessen habe. Wir arbeiteten gerade auf dem Dach eines Hauses. Ich schleppte eine schwere Kupferblechrolle nach oben, die ich auf einem Kamin abstellen wollte. Doch plötzlich rutschte mir die Rolle aus den Händen. Die rasiermesserscharfe Blechkante erwischte meine rechte Hand und schnitt tief hinein. Als ich auf die Verletzung blickte, wurde mir ganz anders. Die Wunde war so groß, dass sogar der Knochen zu sehen war. Ohne lange nachzudenken, zog ich mein Leibchen aus, presste es auf die Hand und versuchte verzweifelt, die Blutung zu stoppen.

Mein Chef kam herbeigeeilt, sah sich das Ganze kurz an und sagte völlig gelassen: „Da unten links bei dem braunen Haus ist ein Arzt. Geh schnell hinunter.“ Also machte ich mich mit meiner blutenden Hand auf den Weg. Endlich angekommen, entdeckte ich draußen ein Schild mit der Aufschrift „Ordination“. Erleichtert öffnete ich die Eingangstür, ging durch die nächste Tür – und blieb wie angewurzelt stehen. Überall bellten Hunde, Katzen miauten aus ihren Transportboxen und ein Papagei krächzte lautstark. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass mich mein Chef nicht zu einem Arzt, sondern zu einem Tierarzt geschickt hatte.

Mit meiner blutenden Hand drehte ich mich wortlos um und verließ die Praxis wieder. Direkt gegenüber wohnte zum Glück eine Bekannte. Sie brachte mich sofort ins Krankenhaus, wo die Wunde genäht und ordentlich versorgt wurde. Einige Stunden später stand ich mit dickem Verband wieder auf der Baustelle und fragte meinen Chef, ob er eigentlich verrückt sei, mich mit einer solchen Verletzung zum Tierarzt zu schicken.

Er grinste nur und sagte völlig trocken: „Warum nicht? Der Tierarzt hätte das wahrscheinlich genauso gut genäht. Der behandelt schließlich größere Viecher als dich.“ Damals fand ich den Spruch überhaupt nicht lustig. Heute muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich daran denke. Schmerzen vergehen – aber solche Geschichten bleiben für immer.

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