Kategorie: KI_Geschichten

  • 152_Klezi fliegt langsam

    Der Himmel war heute ungewöhnlich klar, fast so, als hätte jemand extra für mich aufgeräumt. Also breitete ich die Flügel aus, setzte den Heiligenschein fest – na gut, halbwegs fest – und nahm Kurs auf die Marienwarte am Reinberg. Schon von oben wirkte sie stolz und ruhig zugleich, so wie Bauwerke, die wissen, dass sie bleiben dürfen.

    1891 hatten sie sie hier errichtet, 22,8 Meter hoch, aus einer Idee heraus, die schöner kaum sein könnte: Der Verschönerungsverein Wels wollte den Menschen einen Ort schenken, von dem aus man weiter sehen kann – nicht nur mit den Augen. Damals war hier noch Wiesen- und Weideland, und erst die Wege, die Bäume, die langsam wuchsen, machten den Reinberg zu dem, was er heute ist. Während ich darüber hinwegflog, dachte ich mir: Manche Ideen bekommen erst mit der Zeit Flügel.

    Ich ließ mir Zeit beim Anflug. Engel haben keinen Termindruck. Von der Plattform auf 391,1 Metern über dem Meeresspiegel öffnet sich die Welt: Wels liegt da wie ein vertrautes Zuhause, die Traun-Ebene breitet sich ruhig aus, und an klaren Tagen reicht der Blick bis zum Hausruck, zum Böhmerwald und hinüber zu den Alpen. Selbst von oben wirkt das alles nicht klein, sondern genau richtig.

    Ich war nicht der Erste, der diesen Weg mochte. Erzherzogin Marie Valerie, die Lieblingstochter von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph, kam oft hierher – gemeinsam mit ihrer Mutter. Vielleicht suchten sie dasselbe wie wir heute: einen Ort, an dem man durchatmen kann, ein Stück Abstand gewinnt und trotzdem näher bei sich selbst ist.

    Als ich langsam weiterflog, zeigte ich noch einmal hinunter zur Marienwarte. Man erreicht sie über die Reinberg-Runde, zu Fuß, Schritt für Schritt. Ich heute eben mit Flügeln. Aber am Ende zählt nicht, wie man ankommt, sondern dass man kurz stehen bleibt, schaut – und die Geschichte wirken lässt.

  • 151_Wirtshausgeschichten

    Die letzte Sperrstund

    Es war keine besondere Nacht, kein Fest, kein Abschied, der Stammtisch war besetzt wie so oft, nicht voll, nicht leer, einfach da, der Wirt stand hinterm Tresen, das Licht war ein bissl heller als sonst, aber keiner sagte was, sie redeten über Kleinigkeiten, über nix, was hängen bleibt, der Karli schaute öfter auf die Uhr, obwohl er keinen Termin hatte, der Sepp trank langsamer, als würde er Zeit strecken, der Wirt sagte irgendwann leise, dass er bald zusperrt, nicht streng, nicht müde, eher sachlich, wie jemand, der eine Entscheidung schon länger kennt, keiner widersprach, keiner fragte nach, sie bestellten noch eine Runde, die letzte, ohne es auszusprechen, die Gläser blieben länger stehen, man trank langsamer, nicht aus Durst, sondern aus Gewohnheit, draußen war es still, drinnen auch, irgendwann stellte der Wirt die Musik ab, wischte den Tresen ein letztes Mal, obwohl er sauber war, der Karli stand auf, der Sepp auch, einer nach dem anderen zog die Jacke an, ohne Schmäh, ohne Versprechen auf morgen, der Wirt nickte jedem zu, sagte danke, und als die Tür ins Schloss fiel, blieb der Stammtisch leer zurück, nicht traurig, nicht wütend, einfach fertig, und erst da verstanden sie, dass manche Sperrstunden nicht für eine Nacht gelten, sondern für immer.

  • 150_Pensionistenstress_ Sonntag

    Sonntag. Feiertag. Ruhe. So steht es im Kalender. Die Tiere haben ihren eigenen. Frühdienst wie immer. Ich mache mit, ganz automatisch. Am Abend sitze ich zufrieden da. Müde, aber ruhig. Pensionistenstress ist auch Stress – nur mit Herz, Garten und viel Leben rundherum.

  • 141_Pensionistenstress – Mittwoch

    Pensionistenstress – Mittwoch

    Mittwoch ist mein geheimer Ausschlaftag. Dachte ich zumindest. Die Vögel im Garten hatten andere Pläne. Um halb sieben ist Konzertbeginn. Ohne Eintritt, ohne Pause. Also raus, Futter nachfüllen, gähnen. Während sie zufrieden picken, frage ich mich, wie ich früher gearbeitet habe. Heute fehlt mir dafür eindeutig die Zeit.

  • 140_Pensionistenstress-Dienstag

    Der Dienstag startet ruhig. Kein Wecker, kein Druck. Bis ich in die Küche komme. Die Katze sitzt vor dem Napf und schaut beleidigt. Ein Blick, der sagt: „Du bist spät.“ Diskussion zwecklos. Also füttern. Pensionist zu sein heißt nicht frei zu sein. Es heißt, ständig beobachtet zu werden – von Wesen mit Schnurrhaaren.

  • 139_Pensionistenstress – Montag

    Montag. Früher war das der Tag, an dem man sich aus dem Bett gequält hat. Heute wäre Ausschlafen möglich – theoretisch. Praktisch sitzt der Hund schon neben dem Bett und schaut mich an, als hätte er einen Termin beim Bürgermeister. Also aufstehen. Leine nehmen. Rausgehen. Pensionistenstress beginnt dort, wo andere glauben, man hätte Zeit.