231_Die Frau im Mühlbach – Teil 1

Das Geheimnis unter der Oberfläche

Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, ging Anna zum Mühlbach. Ob Sommer oder Winter, ob Regen, Nebel oder Schnee – sie stieg ins Wasser. Während andere noch schliefen oder sich einen Kaffee machten, schwamm sie ihre gewohnte Runde, tauchte unter und genoss die Stille. Im Dorf war sie längst bekannt. Manche nannten sie liebevoll „die Frau vom Mühlbach“, andere hielten sie für etwas sonderbar. Doch Anna störte das nicht. Der Bach war ihr Rückzugsort, ihr Kraftplatz, ihr kleines Geheimnis.

Eines Morgens geschah etwas, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Beim Tauchen verlor sie völlig das Zeitgefühl. Als sie wieder auftauchte, war sie überzeugt, höchstens dreißig Sekunden unter Wasser gewesen zu sein. Ein Blick auf ihre wasserdichte Uhr ließ sie erschrocken innehalten. Eine Minute und acht Sekunden. „Komisch“, murmelte sie. Am nächsten Tag wollte sie wissen, ob es Zufall gewesen war. Sie tauchte erneut. Diesmal zeigte die Uhr eine Minute und vierzig Sekunden. Von da an begann sie, ihre Zeiten aufzuschreiben.

Mit jeder Woche konnte sie länger unter Wasser bleiben. Zwei Minuten. Drei. Fünf. Nach einigen Monaten waren es bereits zehn Minuten, ohne dass ihr die Luft ausging oder sie sich unwohl fühlte. Sie bekam weder Schwindel noch Herzrasen. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn sie auftauchte, fühlte sie sich ausgeruhter als vorher. Aus Neugier ließ sie sich von einem Arzt untersuchen. Lunge, Herz, Blutwerte – alles vollkommen normal. „Sie sind kerngesund“, sagte der Arzt lächelnd. Anna nickte nur und verschwieg ihm, dass sie inzwischen viel länger unter Wasser blieb, als jeder Mensch eigentlich überleben konnte.

Von diesem Tag an begann sie, ihre Versuche heimlich fortzusetzen. Früh am Morgen war niemand unterwegs. Sie tauchte tiefer, legte sich auf den kiesigen Grund und beobachtete die Welt unter Wasser. Kleine Fische schwammen neugierig um sie herum, Flusskrebse krochen zwischen den Steinen hindurch und die Sonnenstrahlen zeichneten silberne Muster auf den Bachboden. Mit der Zeit verloren selbst die scheuesten Tiere ihre Angst vor ihr. Es war, als würde sie zu dieser stillen Welt dazugehören.

Nach fast einem Jahr erreichte sie etwas, das sie selbst kaum glauben konnte. Sechzig Minuten. Eine ganze Stunde unter Wasser. Ohne Sauerstoffflasche. Ohne Atemgerät. Als sie auftauchte, war sie nicht erschöpft, sondern fühlte sich so frisch wie nach einer langen Nacht Schlaf. Doch damit begann etwas noch Seltsameres. Sie bemerkte, dass die Zeit offenbar nicht mehr gleich verlief. Wenn sie eine Stunde unter Wasser gewesen war, zeigten ihre Uhren oft nur wenige Minuten an. Zuerst hielt sie die Uhr für kaputt und kaufte eine neue. Dann noch eine. Doch alle zeigten dasselbe. Unter Wasser schien die Zeit langsamer zu vergehen.

Anna sprach mit niemandem darüber. Wer hätte ihr das auch geglaubt? Sie führte stattdessen ein kleines Notizbuch, in dem sie jeden Tauchgang genau dokumentierte. Datum, Uhrzeit, Dauer, Wetter. Die Ergebnisse wurden immer unglaublicher. Je länger sie unter Wasser blieb, desto größer wurde der Unterschied zwischen ihrer Wahrnehmung und der Zeit an Land. Langsam bekam sie Angst vor ihrer eigenen Entdeckung.

Eines nebligen Herbstmorgens bemerkte sie zwei fremde Männer am gegenüberliegenden Ufer. Sie standen regungslos zwischen den Bäumen und beobachteten sie mit Ferngläsern. Anna spürte sofort, dass sie nicht zufällig dort waren. Sie stieg trotzdem ins Wasser und tauchte ab. Als sie wieder auftauchte, war das Ufer menschenleer. Nur ihre Kleidung lag noch auf der Bank. Daneben befand sich ein kleiner, nasser Umschlag. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn. Darin lag ein einzelnes Blatt Papier, auf dem mit blauer Tinte nur ein einziger Satz geschrieben stand:

„Morgen um sechs Uhr. Tauch tiefer. Alle Antworten warten auf dich.“

Anna blickte langsam zum dunklen Wasser des Mühlbachs. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hatte sie Angst, wieder hineinzusteigen.

Fortsetzung folgt Morgen

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