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  • 225_Von der Disco zur Apotheke

    Mit 68 Jahren von der Disco zur Apotheke

    Heute wurde ich 68 Jahre alt. Wenn ich so zurückdenke, dann hat sich in diesen 68 Jahren einiges verändert. Früher traf man seine Freunde in der Disco oder im Wirtshaus. Dort wurde gelacht, gefeiert, diskutiert und manchmal bis spät in die Nacht über Gott und die Welt gesprochen. Die Musik war laut, die Haare voller und die Knie machten noch jeden Unsinn mit.

    Damals dachte man nicht viel über das Älterwerden nach. Mit zwanzig oder dreißig glaubt man ohnehin, dass die Zeit unendlich ist. Die Jahre vergehen dann aber schneller, als man es sich vorstellen kann. Aus den jungen Burschen werden gestandene Männer, aus den wilden Nächten gemütliche Abende und aus den Sorgen von damals werden Geschichten, über die man heute lachen kann.

    Heute treffe ich viele meiner alten Freunde oft an einem ganz anderen Ort. Nicht in der Disco und auch nicht immer im Wirtshaus, sondern in der Apotheke. Dort stehen wir mit unseren Rezepten und plaudern über alles Mögliche. Der eine braucht etwas für den Blutdruck, der andere für die Gelenke, und wieder ein anderer hat einen guten Tipp gegen dieses oder jenes Wehwehchen. Man könnte fast meinen, der Stammtisch sei einfach umgezogen.

    Dabei fällt mir immer wieder derselbe Gedanke ein: Die Musik ist schlechter geworden, aber die Auswahl an Pillen deutlich größer. Und genau deshalb muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich einem alten Bekannten zwischen Hustensaft und Blutdruckmessgerät begegne.

    Mit 68 Jahren merkt man natürlich, dass die Uhr nicht stehen bleibt. Aber man lernt auch etwas Wichtiges: Nicht die Anzahl der Jahre entscheidet darüber, wie alt man ist, sondern die Freude am Leben. Solange man noch lachen kann, neugierig bleibt, Pläne schmiedet und morgens mit einer Idee aufwacht, ist noch lange nicht Schluss.

    Vielleicht bin ich morgen 68 geworden. In meinem Kopf warten aber noch Bücher, Geschichten, Projekte und genügend Blödsinn, um die nächsten Jahrzehnte zu füllen. Mein großes Ziel sind schließlich 104 Jahre. Da bleibt gar keine Zeit, um alt zu werden.

    Und wenn ich morgen auf meinen Geburtstag anstoße, dann denke ich an all die Freunde, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Manche traf ich früher in der Disco, manche im Wirtshaus und manche heute in der Apotheke. Eines ist aber gleich geblieben: Ein gemeinsames Lachen ist bis heute die beste Medizin.

    Und wenn mich heute jemand fragt, was ich mit 68 Jahren noch vorhabe, dann kann ich nur lachen. Ich habe noch jede Menge Pläne. Weitere Bücher schreiben, Geschichten erzählen, Fotos machen, Videos drehen, Wels dokumentieren, neue Projekte beginnen und meine Ideen verwirklichen. Manche Menschen zählen in meinem Alter ihre verbleibenden Jahre. Ich zähle lieber die Dinge, die ich noch machen möchte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich 104 Jahre alt werden will. Nicht weil ich muss, sondern weil ich noch so viel vorhabe. Und solange mir immer wieder neue Ideen einfallen, bin ich noch lange nicht fertig. Die Uhr darf ruhig weiter ihre Runden drehen – ich drehe mich einfach mit.

    PS: Falls du mir zum Geburtstag etwas schenken möchtest: Bitte keine Krawatte, keine Socken und keinen Schnickschnack. Ein Duschgel reicht völlig. In meinem Alter freut man sich über Dinge, die man tatsächlich braucht.

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  • 223_Berufe mit Klezi

    Heute Pilot

    Heute war ich Pilot. Also zumindest für kurze Zeit. Früher hab ich geglaubt, Pilot sein heißt hauptsächlich ruhig vorne sitzen und geschniegelt aus dem Fenster schauen. Aber sobald man im Cockpit sitzt, merkt man schnell: Da blinkt und piepst mehr als daheim die Mikrowelle nach einem Stromausfall.

    Der Copilot hat mich gefragt, ob ich Erfahrung habe. Ich hab gesagt: „Sicher. Ich fahr seit vierzig Jahren unfallfrei mit dem Einkaufswagen beim Hofer.“ Der Blick von ihm war eher mäßig begeistert.

    Aber eines muss man sagen: Da oben zwischen den Wolken wird man ruhig. Kein Verkehr, kein Baustellenlärm und keiner schimpft über Politik. Nur Himmel, Ruhe und der Gedanke: Hoffentlich drück ich jetzt keinen falschen Knopf.

    Bei der Landung hab ich dann kurz geschwitzt. Nicht wegen dem Flugzeug – sondern weil ich vergessen hab, wo beim Airbus der Warnblinker ist.

  • 208_Berufe mit Klezi

    Pensionist – jetzt geht’s erst richtig los
    Weil i jetzt Zeit hab – und was draus mach
    Heute: Lehrer

    Heute hab i mir gedacht: Jetzt wird’s ernst – heute bin i Lehrer, mit Hemd, Sakko und einem Blick, als wüsst i alles, zumindest hab i so getan, weil ein bissl Selbstvertrauen gehört ja dazu. Ich stell mi vor die Tafel, nehm den Stift und schreib ganz wichtig „Mathematik“, dreh mi um und seh in Gesichter, die ungefähr so schauen wie ich früher – leicht skeptisch, ob das heute was wird. „Also… y = mx + c“, sag i und nick dabei so, als wär das völlig logisch, dabei hab i innerlich schon kurz überlegt, was das nochmal genau war. Ich erklär weiter, mit viel Einsatz und noch mehr Überzeugung, red über Steigungen, Linien und irgendwas mit Achsen, und merk nach zwei Minuten: Jetzt bin i selber irgendwo falsch abgebogen. Da meldet sich einer und fragt ganz trocken: „Und was bedeutet das?“ – ich schau auf die Tafel, schau ihn an und denk mir: Gute Frage, wirklich gute Frage. Also hab i das gemacht, was jeder gute Lehrer in so einem Moment macht: einfach weitergeredet, ein bissl drum herum erklärt, ein paar Beispiele erfunden und so getan, als wär genau das der Plan gewesen. Nach zehn Minuten hab i endgültig nimmer gewusst, wo Anfang und Ende war, aber die Stimmung war gut, einer hat gelacht und gemeint: „Sie sind lustig“, und da hab i gewusst – vielleicht kein Mathematikgenie, aber zumindest kein Totalausfall. Am Ende hab i gesagt: „Wisst’s was, wichtig ist nicht die Formel, sondern dass ihr euch bemüht“, und während die gelacht haben, hab i mir gedacht: Lehrer sein ist gar nicht so leicht, aber unterhaltsam ist es auf jeden Fall.


  • 207_Berufe mit Klezi

    Pensionist – jetzt geht’s erst richtig los
    Weil i jetzt Zeit hab – und was draus mach
    Heute: Skilehrer

    Heute hab i mir gedacht: Jetzt wird’s elegant. Heute bin i Skilehrer. Des schaut ja immer so locker aus – a bissl wedeln, a bissl bremsen, freundlich lächeln und nebenbei den Leuten erklären, wie’s geht. Was soll da schon schiefgehen?

    Also steh i oben am Hang, geschniegelt wie aus’m Katalog, Sonnenbrille sitzt, Ski geschniegelt, i fühl mi wie der König von Kitzbühel. Vor mir a kleine Gruppe Anfänger. I sag ganz lässig: „So, wir beginnen ganz einfach… des Wichtigste is die Haltung.“ In dem Moment rutsch i schon zwei Meter nach hinten, elegant wie a Kühlschrank auf Eis.

    Die ersten zwei Minuten waren noch halbwegs würdevoll. I erklär den Schneepflug, mach’s vor – und zack, schon lieg i. Einer aus der Gruppe fragt: „Gehört das dazu?“ I sag: „Ja klar, des is Fortgeschrittene-Technik – bewusstes Hinlegen.“

    Dann wird’s richtig spannend. Eine Dame fährt los, schaut mi panisch an und schreit: „Ich kann nicht bremsen!“ I denk mir: Super, jetzt bin i gefragt. I fahr hinterher, will helfen – und zwei Sekunden später liegen wir beide im Schnee wie zwei gestrandete Seehunde.

    Am Ende des Tages war i fix und fertig, komplett eingeschneit und meine Schüler… naja, sagen wir so: Die haben gelernt, dass man beim Skifahren auch viel lachen kann. Und i hab gelernt: Zuschauen schaut immer leichter aus, als selber machen.

    Aber eines muss i sagen: Es war a Riesengaudi. Und wenn i morgen wieder aufsteh, hab i wahrscheinlich Muskelkater an Stellen, von denen i gar ned gewusst hab, dass i sie hab.

    Fazit:
    Skilehrer sein ist leicht – solange man unten im Kaffee sitzt und zuschaut.

  • 190_Der Mann der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 5

    Die Stimme

    Die Schritte kamen nicht hastig näher, sie waren ruhig, gleichmäßig, fast gelassen, wie die eines Menschen, der keinen Grund zur Eile hat. Ich drehte mich nicht sofort um. Vielleicht, weil ich spürte, dass dieser Moment kein Schreckmoment war, sondern ein Wendepunkt. Als ich mich schließlich langsam umwandte, stand er im Halbdunkel des Raumes, nicht bedrohlich, nicht dramatisch, sondern schlicht da.

    „Du bist also gekommen“, sagte er ruhig.

    Seine Stimme war weder alt noch jung, eher zeitlos, und ich merkte, dass ich keine Angst verspürte, sondern eine eigenartige Klarheit. „Leopold?“, fragte ich, obwohl ich nicht wusste, ob ich diesen Namen wirklich aussprechen wollte.

    Er lächelte leicht. „Man nennt mich so“, antwortete er, und dieser Satz war genug, um zu verstehen, dass hier unten andere Regeln galten als oben im Licht der Stadt.

    Er trat näher, und ich erkannte in seinem Gesicht nichts Sensationelles. Kein Wahnsinn, keine Spuren von Verfall. Nur einen Mann, der eine Entscheidung getroffen hatte. „Die Leute glauben gern, jemand verschwindet“, sagte er ruhig. „Dabei ist es oft einfacher. Man hört nur auf, sichtbar zu sein.“

    Ich dachte an die Geschichte von damals, an das Gerede, an die Suchaktionen, an das allmähliche Verstummen der Fragen. „Warum hier?“, fragte ich.

    Er blickte kurz zur Decke, als würde er durch Ziegel und Pflaster hindurchsehen. „Weil Wels mehr ist als Fassaden“, sagte er. „Es gibt eine zweite Ebene. Nicht geheim. Nur unbeachtet.“

    Er erklärte mir, dass diese Gewölbe nicht für dunkle Geschäfte gedacht waren, sondern für Rückzug, für Gespräche, für Gedanken, die oben keinen Platz fanden. Menschen kamen hierher, wenn sie Klarheit suchten, nicht um zu fliehen, sondern um zu verstehen.

    „Und warum ich?“, fragte ich schließlich.

    Er sah mich lange an, nicht prüfend, eher abwägend. „Weil du stehen geblieben bist“, sagte er ruhig. „Die meisten gehen vorbei.“

    Dieser Satz traf mich mehr als alles andere. Es war keine Auszeichnung, kein Lob. Nur eine Beobachtung.

    In diesem Moment wurde mir klar, dass es nicht um ihn ging. Nicht um sein Verschwinden. Sondern um meine Entscheidung.

    „Morgen“, sagte er leise, „zeige ich dir, warum ich geblieben bin.“

    Und ich wusste, dass ich wiederkommen würde. Nicht aus Neugier. Sondern aus Verantwortung mir selbst gegenüber.

  • 187_Der Mann, der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 2

    Um Punkt 21:17 stand ich beim Ledererturm, und ich fühlte mich ein wenig lächerlich, weil ich einem Stück Papier folgte wie ein Schulbub einer Schnitzeljagd, doch gleichzeitig lag in der Luft etwas Eigenartiges, eine Stille, die nicht zur Uhrzeit passte. Der Turm stand da wie immer, ruhig und schwer, mit jener Gleichgültigkeit alter Mauern, die schon alles gesehen haben und nichts mehr kommentieren.

    Die Uhr auf meinem Handy sprang auf 21:17, und in genau diesem Moment hörte ich ein leises metallisches Klacken, nicht laut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber deutlich genug, um nicht überhört zu werden. Ich sah mich um. Niemand reagierte. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.

    Am Sockel des Turmes lag ein weiterer Zettel, sauber gefaltet. Ich hob ihn auf. Darauf stand nur ein Satz: „Nicht oben. Darunter.“

    Ich strich mit der Hand über das Mauerwerk, als könnte ich ertasten, was damit gemeint war, und dachte an alte Geschichten über Gänge, Keller, vergessene Verbindungen zwischen Türmen und Toren. Es war nichts Konkretes, nur ein Gedanke, aber er setzte sich fest.

    Als ich später nach Hause ging, wusste ich, dass es am nächsten Abend nicht mehr nur ums Beobachten gehen würde. Wenn es ein Darunter gab, dann würde ich es finden wollen.

    Und zum ersten Mal fragte ich mich, wer diese Zettel wirklich schrieb – und woher er wusste, dass ich kommen würde.

  • 181_Wels Nostalgie

    Alpenjägerkaserne – Alltag mit Geschichte

    Alpenjägerkaserne – Alltag mit Geschichte

    Die heutige Alpenjägerkaserne in Wels geht auf die ehemalige Dragonerkaserne zurück, die im 19. Jahrhundert errichtet wurde. Sie war Teil der k.u.k. Militärstruktur und beherbergte unter anderem Kavallerieeinheiten. Pferde, Offiziere und militärische Disziplin prägten das Bild dieses Ortes.

    Über Jahrzehnte hinweg veränderte sich die Nutzung, doch die Mauern blieben. Was einst militärischer Standort war, ist heute Teil des zivilen Alltags. Geschichte verschwindet nicht – sie wird leiser.

    Nicht jeder Ort muss spektakulär sein, um Bedeutung zu haben.
    Manche Orte sind einfach da.
    Verlässlich. Beständig.

    Zuhause entsteht nicht durch Architektur.
    Sondern durch das, was wir darin erleben.

  • 160_Die Sonne kommt

    In der Früh war alles noch beim Alten. Grau, kühl, ein Himmel wie ein schlecht gelaunter Buchhalter kurz vor Monatsende. Der Kaffee schmeckte zwar, aber selbst der wollte irgendwie nicht richtig wach machen. Draußen bewegte sich nichts, nicht einmal der Wind hatte Lust auf Überstunden.

    Und dann kam der Wetterbericht. „Ab Nachmittag sonnig.“ Ein Satz, der mehr Hoffnung auslöst als jede Neujahrsvorsatzliste. Plötzlich schaut man öfter aus dem Fenster, als würde man einen verspäteten Besuch erwarten. Vielleicht ist sie ja schon unterwegs, die Sonne. Vielleicht steht sie nur im Stau über Bayern.

    Die Nachbarn reagieren unterschiedlich. Frau Huber hat vorsorglich schon einmal die Gartenstühle herausgestellt. Sicher ist sicher. Der Nachbar gegenüber hat das Auto gewaschen — mutig, denn erfahrungsgemäß regnet es genau dann noch einmal kurz aus Prinzip.

    Ich selbst schwanke zwischen Skepsis und Vorfreude. Man kennt das ja. Oft genug hat uns der Wetterbericht versprochen: „Nur noch Wolkenreste“, und am Ende waren es Wolken mit Hauptwohnsitz.

    Aber irgendwo merkt man es trotzdem. Die Luft riecht anders, die Vögel diskutieren lauter als sonst, und sogar der Hund vom Nachbarn schaut hoffnungsvoll Richtung Himmel, als hätte er persönlich bestellt.

    Vielleicht kommt sie wirklich heute Nachmittag, die Sonne. Ganz langsam, ein bisschen schüchtern, so wie ein Gast, der zuerst durch den Türspalt schaut.

    Und wenn sie dann da ist, passiert das Wunderbare: Die Menschen gehen plötzlich langsamer, reden länger miteinander — und irgendwo wird garantiert schon der erste Grill nervös aus dem Winterschlaf geholt.

  • 151_Wirtshausgeschichten

    Die letzte Sperrstund

    Es war keine besondere Nacht, kein Fest, kein Abschied, der Stammtisch war besetzt wie so oft, nicht voll, nicht leer, einfach da, der Wirt stand hinterm Tresen, das Licht war ein bissl heller als sonst, aber keiner sagte was, sie redeten über Kleinigkeiten, über nix, was hängen bleibt, der Karli schaute öfter auf die Uhr, obwohl er keinen Termin hatte, der Sepp trank langsamer, als würde er Zeit strecken, der Wirt sagte irgendwann leise, dass er bald zusperrt, nicht streng, nicht müde, eher sachlich, wie jemand, der eine Entscheidung schon länger kennt, keiner widersprach, keiner fragte nach, sie bestellten noch eine Runde, die letzte, ohne es auszusprechen, die Gläser blieben länger stehen, man trank langsamer, nicht aus Durst, sondern aus Gewohnheit, draußen war es still, drinnen auch, irgendwann stellte der Wirt die Musik ab, wischte den Tresen ein letztes Mal, obwohl er sauber war, der Karli stand auf, der Sepp auch, einer nach dem anderen zog die Jacke an, ohne Schmäh, ohne Versprechen auf morgen, der Wirt nickte jedem zu, sagte danke, und als die Tür ins Schloss fiel, blieb der Stammtisch leer zurück, nicht traurig, nicht wütend, einfach fertig, und erst da verstanden sie, dass manche Sperrstunden nicht für eine Nacht gelten, sondern für immer.