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  • 238_Marienwarte Teil 4

    Die Marienwarte heute

    Mehr als 130 Jahre sind vergangen, seit die Marienwarte am Reinberg feierlich eröffnet wurde. Sie hat zwei Weltkriege, politische Veränderungen und den Wandel der Zeit überstanden. Generationen von Welserinnen und Welsern sind die 145 Stufen hinaufgestiegen, um den herrlichen Blick über ihre Heimat zu genießen.

    Auch heute hat die Marienwarte nichts von ihrem besonderen Charme verloren. Wer den Reinberg besucht, spürt sofort die Ruhe dieses Ortes. Zwischen den alten Bäumen eröffnet sich ein einzigartiger Ausblick über Wels bis hin zu den Alpen – genau jener Blick, der schon die Erbauer im Jahr 1892 begeisterte.

    Wenn man vor der Marienwarte steht, denkt man unweigerlich an die vielen Menschen, die an ihrer Entstehung beteiligt waren. Mit viel Einsatz, handwerklichem Können und Weitblick schufen sie ein Bauwerk, das bis heute eines der schönsten Wahrzeichen unserer Region ist.

    Für mich ist die Marienwarte weit mehr als nur ein Aussichtsturm. Sie erzählt ein Stück Welser Geschichte und erinnert daran, wie wichtig es ist, unsere Heimat zu kennen, zu schätzen und für kommende Generationen zu bewahren.

    Mit dieser kleinen vierteiligen Serie wollte ich die Geschichte der Marienwarte wieder ein Stück lebendig werden lassen. Vielleicht regt sie den einen oder anderen an, selbst einmal den Reinberg zu besuchen und den Ausblick zu genießen, der seit über einem Jahrhundert Menschen begeistert.

    Denn Geschichte lebt nicht nur in Büchern – sie lebt an den Orten, an denen sie geschrieben wurde.

  • 235_Marienwarte Teil 1

    Die Standortfindung der Marienwarte –

    Noch bevor die Marienwarte gebaut werden konnte, musste zuerst der beste Platz auf dem Reinberg gefunden werden. Die Verantwortlichen wollten sicher sein, dass der spätere Aussichtsturm einen möglichst freien Blick über Wels und das Alpenvorland bieten würde.

    Um das zu überprüfen, wurde im Sommer 1889 eine hohe Schubleiter aufgestellt. Von dort aus prüfte man die Aussicht und legte gleichzeitig fest, welche Höhe der geplante Turm haben sollte.

    Wie diese Leiter tatsächlich aussah, ist heute nicht überliefert. Das Titelbild zeigt deshalb eine humorvolle KI-Interpretation mit einer pferdegezogenen Feuerwehrleiter. So hätte man sich die Suche nach dem perfekten Standort vorstellen können – auch wenn es historisch natürlich anders gewesen sein dürfte.

    Die Entscheidung fiel schließlich auf den heutigen Standort am Reinberg. Mehr als 130 Jahre später zählt die Marienwarte noch immer zu den schönsten Aussichtspunkten der Region.

  • 232_Die Frau im Mühlbach – Teil 2

    Das Geheimnis in der Tiefe

    Anna hielt den nassen Zettel noch immer in der Hand. „Morgen um sechs Uhr. Tauch tiefer. Alle Antworten warten auf dich.“ Die ganze Nacht fand sie keinen Schlaf. Wer hatte den Zettel geschrieben? Wer beobachtete sie? Und warum wusste jemand von ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit? Noch vor Sonnenaufgang stand sie wieder am Mühlbach. Der Nebel hing tief über dem Wasser, alles war still. Sie legte ihren Notizblock und ihre Uhr wie gewohnt auf die steinerne Ufermauer, atmete einmal tief durch und tauchte ab. Diesmal schwamm sie nicht einfach geradeaus, sondern folgte dem Bach bis an eine Stelle, die ihr trotz zwanzig Jahren täglichem Schwimmen fremd vorkam. Plötzlich bemerkte sie zwischen den Steinen einen schmalen Spalt, aus dem ein schwaches bläuliches Licht schimmerte. Vorsichtig tauchte sie näher und entdeckte einen gemauerten Durchgang, der hinter dichtem Wassergras verborgen lag. Sie zögerte nur einen Augenblick, dann schwamm sie hindurch. Dahinter öffnete sich eine riesige Höhle, erfüllt von glasklarem Wasser. Mitten im Raum stand ein alter steinerner Tisch. Darauf lag eine bronzene Sanduhr. Doch der Sand rieselte nicht nach unten – er floss langsam nach oben. Als Anna die Sanduhr berühren wollte, hörte sie plötzlich eine ruhige Stimme. „Willkommen, Anna. Endlich hast du den Weg gefunden.“ Erschrocken drehte sie sich um. Vor ihr stand ein alter Mann mit schneeweißem Haar, als wäre er schon immer Teil dieser Höhle gewesen. „Seit Jahrhunderten bewacht jemand diesen Ort“, sagte er. „Das Wasser des Mühlbachs entspringt einer Quelle, die nicht nur Leben schenkt, sondern auch Zeit. Jeder Mensch, der hier badet, spürt ihre Kraft. Aber nur alle paar Generationen findet jemand den verborgenen Eingang. Du bist die Nächste.“ Anna verstand plötzlich, warum sie immer länger unter Wasser bleiben konnte. Es war nicht ihre Lunge. Es war das Wasser selbst.

    Der alte Mann lächelte traurig. „Doch jedes Geschenk hat seinen Preis. Wer die Zeit anhalten kann, verliert nach und nach die Erinnerung an sein früheres Leben.“ Anna erschrak. War das der Grund, warum sie sich in den letzten Monaten immer schwerer an manche Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern konnte? Plötzlich fiel ihr Blick auf den Tisch. Dort lagen mehrere alte Notizbücher – alle mit unterschiedlichen Namen. Sie blätterte vorsichtig durch eines. Darin standen Tauchzeiten, Beobachtungen und dieselben Fragen, die sie selbst seit Monaten in ihren Notizblock schrieb. Das letzte Buch endete mit einem einzigen Satz: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Anna ließ das Buch erschrocken fallen. Der alte Mann nickte nur langsam. „Auch ich habe einmal hier gestanden – vor mehr als zweihundert Jahren.“ Da begriff sie die Wahrheit. Er war gar kein Wächter. Er war der letzte Mensch, der das Geheimnis entdeckt hatte. Anna nahm ihre Sanduhr, schwamm zurück durch den Tunnel und tauchte an der Oberfläche auf. Die Sonne ging gerade auf. Ihre Uhr zeigte, dass sie nur vier Minuten unter Wasser gewesen war. Doch auf dem Kalender ihres Notizblocks stand nicht mehr der 29. Juni. Es war der 29. Juli. Einen ganzen Monat hatte sie unter Wasser verbracht, ohne es zu bemerken. Sie schaute noch einmal zurück auf den ruhigen Mühlbach und flüsterte: „Nein… ich komme nicht mehr zurück.“ Doch tief unten in der klaren Strömung begann das blaue Licht erneut zu leuchten – als würde der Mühlbach bereits auf seinen nächsten Besucher warten.

  • 231_Die Frau im Mühlbach – Teil 1

    Das Geheimnis unter der Oberfläche

    Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, ging Anna zum Mühlbach. Ob Sommer oder Winter, ob Regen, Nebel oder Schnee – sie stieg ins Wasser. Während andere noch schliefen oder sich einen Kaffee machten, schwamm sie ihre gewohnte Runde, tauchte unter und genoss die Stille. Im Dorf war sie längst bekannt. Manche nannten sie liebevoll „die Frau vom Mühlbach“, andere hielten sie für etwas sonderbar. Doch Anna störte das nicht. Der Bach war ihr Rückzugsort, ihr Kraftplatz, ihr kleines Geheimnis.

    Eines Morgens geschah etwas, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Beim Tauchen verlor sie völlig das Zeitgefühl. Als sie wieder auftauchte, war sie überzeugt, höchstens dreißig Sekunden unter Wasser gewesen zu sein. Ein Blick auf ihre wasserdichte Uhr ließ sie erschrocken innehalten. Eine Minute und acht Sekunden. „Komisch“, murmelte sie. Am nächsten Tag wollte sie wissen, ob es Zufall gewesen war. Sie tauchte erneut. Diesmal zeigte die Uhr eine Minute und vierzig Sekunden. Von da an begann sie, ihre Zeiten aufzuschreiben.

    Mit jeder Woche konnte sie länger unter Wasser bleiben. Zwei Minuten. Drei. Fünf. Nach einigen Monaten waren es bereits zehn Minuten, ohne dass ihr die Luft ausging oder sie sich unwohl fühlte. Sie bekam weder Schwindel noch Herzrasen. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn sie auftauchte, fühlte sie sich ausgeruhter als vorher. Aus Neugier ließ sie sich von einem Arzt untersuchen. Lunge, Herz, Blutwerte – alles vollkommen normal. „Sie sind kerngesund“, sagte der Arzt lächelnd. Anna nickte nur und verschwieg ihm, dass sie inzwischen viel länger unter Wasser blieb, als jeder Mensch eigentlich überleben konnte.

    Von diesem Tag an begann sie, ihre Versuche heimlich fortzusetzen. Früh am Morgen war niemand unterwegs. Sie tauchte tiefer, legte sich auf den kiesigen Grund und beobachtete die Welt unter Wasser. Kleine Fische schwammen neugierig um sie herum, Flusskrebse krochen zwischen den Steinen hindurch und die Sonnenstrahlen zeichneten silberne Muster auf den Bachboden. Mit der Zeit verloren selbst die scheuesten Tiere ihre Angst vor ihr. Es war, als würde sie zu dieser stillen Welt dazugehören.

    Nach fast einem Jahr erreichte sie etwas, das sie selbst kaum glauben konnte. Sechzig Minuten. Eine ganze Stunde unter Wasser. Ohne Sauerstoffflasche. Ohne Atemgerät. Als sie auftauchte, war sie nicht erschöpft, sondern fühlte sich so frisch wie nach einer langen Nacht Schlaf. Doch damit begann etwas noch Seltsameres. Sie bemerkte, dass die Zeit offenbar nicht mehr gleich verlief. Wenn sie eine Stunde unter Wasser gewesen war, zeigten ihre Uhren oft nur wenige Minuten an. Zuerst hielt sie die Uhr für kaputt und kaufte eine neue. Dann noch eine. Doch alle zeigten dasselbe. Unter Wasser schien die Zeit langsamer zu vergehen.

    Anna sprach mit niemandem darüber. Wer hätte ihr das auch geglaubt? Sie führte stattdessen ein kleines Notizbuch, in dem sie jeden Tauchgang genau dokumentierte. Datum, Uhrzeit, Dauer, Wetter. Die Ergebnisse wurden immer unglaublicher. Je länger sie unter Wasser blieb, desto größer wurde der Unterschied zwischen ihrer Wahrnehmung und der Zeit an Land. Langsam bekam sie Angst vor ihrer eigenen Entdeckung.

    Eines nebligen Herbstmorgens bemerkte sie zwei fremde Männer am gegenüberliegenden Ufer. Sie standen regungslos zwischen den Bäumen und beobachteten sie mit Ferngläsern. Anna spürte sofort, dass sie nicht zufällig dort waren. Sie stieg trotzdem ins Wasser und tauchte ab. Als sie wieder auftauchte, war das Ufer menschenleer. Nur ihre Kleidung lag noch auf der Bank. Daneben befand sich ein kleiner, nasser Umschlag. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn. Darin lag ein einzelnes Blatt Papier, auf dem mit blauer Tinte nur ein einziger Satz geschrieben stand:

    „Morgen um sechs Uhr. Tauch tiefer. Alle Antworten warten auf dich.“

    Anna blickte langsam zum dunklen Wasser des Mühlbachs. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hatte sie Angst, wieder hineinzusteigen.

    Fortsetzung folgt Morgen

  • 225_Von der Disco zur Apotheke

    Mit 68 Jahren von der Disco zur Apotheke

    Heute wurde ich 68 Jahre alt. Wenn ich so zurückdenke, dann hat sich in diesen 68 Jahren einiges verändert. Früher traf man seine Freunde in der Disco oder im Wirtshaus. Dort wurde gelacht, gefeiert, diskutiert und manchmal bis spät in die Nacht über Gott und die Welt gesprochen. Die Musik war laut, die Haare voller und die Knie machten noch jeden Unsinn mit.

    Damals dachte man nicht viel über das Älterwerden nach. Mit zwanzig oder dreißig glaubt man ohnehin, dass die Zeit unendlich ist. Die Jahre vergehen dann aber schneller, als man es sich vorstellen kann. Aus den jungen Burschen werden gestandene Männer, aus den wilden Nächten gemütliche Abende und aus den Sorgen von damals werden Geschichten, über die man heute lachen kann.

    Heute treffe ich viele meiner alten Freunde oft an einem ganz anderen Ort. Nicht in der Disco und auch nicht immer im Wirtshaus, sondern in der Apotheke. Dort stehen wir mit unseren Rezepten und plaudern über alles Mögliche. Der eine braucht etwas für den Blutdruck, der andere für die Gelenke, und wieder ein anderer hat einen guten Tipp gegen dieses oder jenes Wehwehchen. Man könnte fast meinen, der Stammtisch sei einfach umgezogen.

    Dabei fällt mir immer wieder derselbe Gedanke ein: Die Musik ist schlechter geworden, aber die Auswahl an Pillen deutlich größer. Und genau deshalb muss ich jedes Mal schmunzeln, wenn ich einem alten Bekannten zwischen Hustensaft und Blutdruckmessgerät begegne.

    Mit 68 Jahren merkt man natürlich, dass die Uhr nicht stehen bleibt. Aber man lernt auch etwas Wichtiges: Nicht die Anzahl der Jahre entscheidet darüber, wie alt man ist, sondern die Freude am Leben. Solange man noch lachen kann, neugierig bleibt, Pläne schmiedet und morgens mit einer Idee aufwacht, ist noch lange nicht Schluss.

    Vielleicht bin ich morgen 68 geworden. In meinem Kopf warten aber noch Bücher, Geschichten, Projekte und genügend Blödsinn, um die nächsten Jahrzehnte zu füllen. Mein großes Ziel sind schließlich 104 Jahre. Da bleibt gar keine Zeit, um alt zu werden.

    Und wenn ich morgen auf meinen Geburtstag anstoße, dann denke ich an all die Freunde, die mich auf meinem Weg begleitet haben. Manche traf ich früher in der Disco, manche im Wirtshaus und manche heute in der Apotheke. Eines ist aber gleich geblieben: Ein gemeinsames Lachen ist bis heute die beste Medizin.

    Und wenn mich heute jemand fragt, was ich mit 68 Jahren noch vorhabe, dann kann ich nur lachen. Ich habe noch jede Menge Pläne. Weitere Bücher schreiben, Geschichten erzählen, Fotos machen, Videos drehen, Wels dokumentieren, neue Projekte beginnen und meine Ideen verwirklichen. Manche Menschen zählen in meinem Alter ihre verbleibenden Jahre. Ich zähle lieber die Dinge, die ich noch machen möchte. Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich 104 Jahre alt werden will. Nicht weil ich muss, sondern weil ich noch so viel vorhabe. Und solange mir immer wieder neue Ideen einfallen, bin ich noch lange nicht fertig. Die Uhr darf ruhig weiter ihre Runden drehen – ich drehe mich einfach mit.

    PS: Falls du mir zum Geburtstag etwas schenken möchtest: Bitte keine Krawatte, keine Socken und keinen Schnickschnack. Ein Duschgel reicht völlig. In meinem Alter freut man sich über Dinge, die man tatsächlich braucht.

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  • 223_Berufe mit Klezi

    Heute Pilot

    Heute war ich Pilot. Also zumindest für kurze Zeit. Früher hab ich geglaubt, Pilot sein heißt hauptsächlich ruhig vorne sitzen und geschniegelt aus dem Fenster schauen. Aber sobald man im Cockpit sitzt, merkt man schnell: Da blinkt und piepst mehr als daheim die Mikrowelle nach einem Stromausfall.

    Der Copilot hat mich gefragt, ob ich Erfahrung habe. Ich hab gesagt: „Sicher. Ich fahr seit vierzig Jahren unfallfrei mit dem Einkaufswagen beim Hofer.“ Der Blick von ihm war eher mäßig begeistert.

    Aber eines muss man sagen: Da oben zwischen den Wolken wird man ruhig. Kein Verkehr, kein Baustellenlärm und keiner schimpft über Politik. Nur Himmel, Ruhe und der Gedanke: Hoffentlich drück ich jetzt keinen falschen Knopf.

    Bei der Landung hab ich dann kurz geschwitzt. Nicht wegen dem Flugzeug – sondern weil ich vergessen hab, wo beim Airbus der Warnblinker ist.

  • 208_Berufe mit Klezi

    Pensionist – jetzt geht’s erst richtig los
    Weil i jetzt Zeit hab – und was draus mach
    Heute: Lehrer

    Heute hab i mir gedacht: Jetzt wird’s ernst – heute bin i Lehrer, mit Hemd, Sakko und einem Blick, als wüsst i alles, zumindest hab i so getan, weil ein bissl Selbstvertrauen gehört ja dazu. Ich stell mi vor die Tafel, nehm den Stift und schreib ganz wichtig „Mathematik“, dreh mi um und seh in Gesichter, die ungefähr so schauen wie ich früher – leicht skeptisch, ob das heute was wird. „Also… y = mx + c“, sag i und nick dabei so, als wär das völlig logisch, dabei hab i innerlich schon kurz überlegt, was das nochmal genau war. Ich erklär weiter, mit viel Einsatz und noch mehr Überzeugung, red über Steigungen, Linien und irgendwas mit Achsen, und merk nach zwei Minuten: Jetzt bin i selber irgendwo falsch abgebogen. Da meldet sich einer und fragt ganz trocken: „Und was bedeutet das?“ – ich schau auf die Tafel, schau ihn an und denk mir: Gute Frage, wirklich gute Frage. Also hab i das gemacht, was jeder gute Lehrer in so einem Moment macht: einfach weitergeredet, ein bissl drum herum erklärt, ein paar Beispiele erfunden und so getan, als wär genau das der Plan gewesen. Nach zehn Minuten hab i endgültig nimmer gewusst, wo Anfang und Ende war, aber die Stimmung war gut, einer hat gelacht und gemeint: „Sie sind lustig“, und da hab i gewusst – vielleicht kein Mathematikgenie, aber zumindest kein Totalausfall. Am Ende hab i gesagt: „Wisst’s was, wichtig ist nicht die Formel, sondern dass ihr euch bemüht“, und während die gelacht haben, hab i mir gedacht: Lehrer sein ist gar nicht so leicht, aber unterhaltsam ist es auf jeden Fall.


  • 207_Berufe mit Klezi

    Pensionist – jetzt geht’s erst richtig los
    Weil i jetzt Zeit hab – und was draus mach
    Heute: Skilehrer

    Heute hab i mir gedacht: Jetzt wird’s elegant. Heute bin i Skilehrer. Des schaut ja immer so locker aus – a bissl wedeln, a bissl bremsen, freundlich lächeln und nebenbei den Leuten erklären, wie’s geht. Was soll da schon schiefgehen?

    Also steh i oben am Hang, geschniegelt wie aus’m Katalog, Sonnenbrille sitzt, Ski geschniegelt, i fühl mi wie der König von Kitzbühel. Vor mir a kleine Gruppe Anfänger. I sag ganz lässig: „So, wir beginnen ganz einfach… des Wichtigste is die Haltung.“ In dem Moment rutsch i schon zwei Meter nach hinten, elegant wie a Kühlschrank auf Eis.

    Die ersten zwei Minuten waren noch halbwegs würdevoll. I erklär den Schneepflug, mach’s vor – und zack, schon lieg i. Einer aus der Gruppe fragt: „Gehört das dazu?“ I sag: „Ja klar, des is Fortgeschrittene-Technik – bewusstes Hinlegen.“

    Dann wird’s richtig spannend. Eine Dame fährt los, schaut mi panisch an und schreit: „Ich kann nicht bremsen!“ I denk mir: Super, jetzt bin i gefragt. I fahr hinterher, will helfen – und zwei Sekunden später liegen wir beide im Schnee wie zwei gestrandete Seehunde.

    Am Ende des Tages war i fix und fertig, komplett eingeschneit und meine Schüler… naja, sagen wir so: Die haben gelernt, dass man beim Skifahren auch viel lachen kann. Und i hab gelernt: Zuschauen schaut immer leichter aus, als selber machen.

    Aber eines muss i sagen: Es war a Riesengaudi. Und wenn i morgen wieder aufsteh, hab i wahrscheinlich Muskelkater an Stellen, von denen i gar ned gewusst hab, dass i sie hab.

    Fazit:
    Skilehrer sein ist leicht – solange man unten im Kaffee sitzt und zuschaut.

  • 190_Der Mann der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 5

    Die Stimme

    Die Schritte kamen nicht hastig näher, sie waren ruhig, gleichmäßig, fast gelassen, wie die eines Menschen, der keinen Grund zur Eile hat. Ich drehte mich nicht sofort um. Vielleicht, weil ich spürte, dass dieser Moment kein Schreckmoment war, sondern ein Wendepunkt. Als ich mich schließlich langsam umwandte, stand er im Halbdunkel des Raumes, nicht bedrohlich, nicht dramatisch, sondern schlicht da.

    „Du bist also gekommen“, sagte er ruhig.

    Seine Stimme war weder alt noch jung, eher zeitlos, und ich merkte, dass ich keine Angst verspürte, sondern eine eigenartige Klarheit. „Leopold?“, fragte ich, obwohl ich nicht wusste, ob ich diesen Namen wirklich aussprechen wollte.

    Er lächelte leicht. „Man nennt mich so“, antwortete er, und dieser Satz war genug, um zu verstehen, dass hier unten andere Regeln galten als oben im Licht der Stadt.

    Er trat näher, und ich erkannte in seinem Gesicht nichts Sensationelles. Kein Wahnsinn, keine Spuren von Verfall. Nur einen Mann, der eine Entscheidung getroffen hatte. „Die Leute glauben gern, jemand verschwindet“, sagte er ruhig. „Dabei ist es oft einfacher. Man hört nur auf, sichtbar zu sein.“

    Ich dachte an die Geschichte von damals, an das Gerede, an die Suchaktionen, an das allmähliche Verstummen der Fragen. „Warum hier?“, fragte ich.

    Er blickte kurz zur Decke, als würde er durch Ziegel und Pflaster hindurchsehen. „Weil Wels mehr ist als Fassaden“, sagte er. „Es gibt eine zweite Ebene. Nicht geheim. Nur unbeachtet.“

    Er erklärte mir, dass diese Gewölbe nicht für dunkle Geschäfte gedacht waren, sondern für Rückzug, für Gespräche, für Gedanken, die oben keinen Platz fanden. Menschen kamen hierher, wenn sie Klarheit suchten, nicht um zu fliehen, sondern um zu verstehen.

    „Und warum ich?“, fragte ich schließlich.

    Er sah mich lange an, nicht prüfend, eher abwägend. „Weil du stehen geblieben bist“, sagte er ruhig. „Die meisten gehen vorbei.“

    Dieser Satz traf mich mehr als alles andere. Es war keine Auszeichnung, kein Lob. Nur eine Beobachtung.

    In diesem Moment wurde mir klar, dass es nicht um ihn ging. Nicht um sein Verschwinden. Sondern um meine Entscheidung.

    „Morgen“, sagte er leise, „zeige ich dir, warum ich geblieben bin.“

    Und ich wusste, dass ich wiederkommen würde. Nicht aus Neugier. Sondern aus Verantwortung mir selbst gegenüber.

  • 187_Der Mann, der unter Wels verschwand

    Die Geschichte – Tag 2

    Um Punkt 21:17 stand ich beim Ledererturm, und ich fühlte mich ein wenig lächerlich, weil ich einem Stück Papier folgte wie ein Schulbub einer Schnitzeljagd, doch gleichzeitig lag in der Luft etwas Eigenartiges, eine Stille, die nicht zur Uhrzeit passte. Der Turm stand da wie immer, ruhig und schwer, mit jener Gleichgültigkeit alter Mauern, die schon alles gesehen haben und nichts mehr kommentieren.

    Die Uhr auf meinem Handy sprang auf 21:17, und in genau diesem Moment hörte ich ein leises metallisches Klacken, nicht laut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen, aber deutlich genug, um nicht überhört zu werden. Ich sah mich um. Niemand reagierte. Niemand schien etwas bemerkt zu haben.

    Am Sockel des Turmes lag ein weiterer Zettel, sauber gefaltet. Ich hob ihn auf. Darauf stand nur ein Satz: „Nicht oben. Darunter.“

    Ich strich mit der Hand über das Mauerwerk, als könnte ich ertasten, was damit gemeint war, und dachte an alte Geschichten über Gänge, Keller, vergessene Verbindungen zwischen Türmen und Toren. Es war nichts Konkretes, nur ein Gedanke, aber er setzte sich fest.

    Als ich später nach Hause ging, wusste ich, dass es am nächsten Abend nicht mehr nur ums Beobachten gehen würde. Wenn es ein Darunter gab, dann würde ich es finden wollen.

    Und zum ersten Mal fragte ich mich, wer diese Zettel wirklich schrieb – und woher er wusste, dass ich kommen würde.