
Es gibt Orte, an denen ich mich vom ersten Augenblick an wohlfühle. Alte Burgen und Burgruinen gehören für mich ganz eindeutig dazu. Vielleicht liegt es an den Mauern, die schon so viel gesehen haben, vielleicht an den Geschichten, die in jedem Stein verborgen zu sein scheinen, oder einfach an der besonderen Ruhe, die dort herrscht. Einer dieser Orte ist die Burgruine Schaunburg. Wenn ich dort unterwegs bin, vergesse ich oft die Zeit. An diesem Tag setzte ich mich in die alte Burgkirche, lehnte mich zurück und versuchte, wie ich es gerne nenne, das Rad meiner Gedanken anzuhalten. Kein Telefon, kein Verkehrslärm, keine Termine und keine Stimmen. Nur die alten Mauern, ein wenig Wind und diese wunderbare Stille, die ich in solchen Gemäuern so liebe. Doch plötzlich wurde die Ruhe von einem Geräusch unterbrochen. Zuerst war es so leise, dass ich dachte, ich hätte mich verhört. Dann kam es wieder. Es klang wie ein leichtes Winseln, vielleicht auch wie ein leises Zischen. Ich konnte es nicht einordnen. Langsam stand ich auf und sah mich um. Das Geräusch kam aus der Nähe eines Mauervorsprungs. Ich ging vorsichtig ein paar Schritte näher und blieb stehen. Hinter der Mauer bewegte sich etwas. Für einen kurzen Moment sah ich nur eine kleine Hand, dann ein Gesicht und schließlich eine winzige Gestalt, vielleicht fünfzehn Zentimeter groß, die vorsichtig um die Ecke schaute. Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir stand tatsächlich ein kleiner Zwerg. Er hatte einen grauen Bart, eine dunkle Mütze und trug Kleidung, die aussah, als wäre sie aus Stoffresten und Lederstücken zusammengenäht worden. Seine Augen waren rot und verweint. Er sah mich lange an, als würde er überlegen, ob er mir vertrauen konnte. Dann trat er einen Schritt hervor und sagte ganz leise: „Kannst du mir bitte helfen?“ Ich weiß bis heute nicht, warum ich keine Angst hatte. Im Gegenteil, ich freute mich sogar darüber, dass gerade ich von diesem kleinen Wesen um Hilfe gebeten wurde. Vielleicht hatte er gespürt, dass ich mich in Burgen und Ruinen wohlfühlte und dass ich ihm nichts Böses wollte. „Wie heißt du denn?“, fragte ich. „Engelbert“, antwortete er. „Und was ist passiert?“ Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. „Meine Frau Gloria und unsere Tochter Adelheit sind schwer krank. Ich habe Angst, dass sie ohne Hilfe sterben.“ In diesem Augenblick wusste ich, dass ich nicht einfach weggehen konnte. Ich folgte Engelbert durch einen schmalen Spalt in der Mauer. Dahinter befand sich ein kleines Versteck, das man von außen kaum erkennen konnte. Auf einem Lager aus Moos, Blättern und Stoffresten lagen Gloria und Adelheit. Beide wirkten schwach und erschöpft. Gloria öffnete kurz die Augen, während Adelheit kaum noch auf das leise Rufen ihres Vaters reagierte. Ich überlegte fieberhaft, was ich tun konnte. Dort in der Ruine konnte ich ihnen nicht helfen. Also fasste ich einen Plan. „Ihr kommt mit mir“, sagte ich. Ich nahm meinen Rucksack ab und legte ihn vorsichtig auf den Boden. Engelbert half zuerst seiner Frau hinein, dann trugen wir gemeinsam Adelheit dazu. Zuletzt kletterte Engelbert selbst in den Rucksack. Ich bedeckte die drei vorsichtig mit einem weichen Tuch und verließ das Ruinenareal so unauffällig wie möglich. Dabei kam ich mir fast wie ein Schmuggler vor. Immer wieder sah ich mich um, ob mich jemand beobachtete. Zum Glück begegnete mir niemand, der wissen wollte, warum sich mein Rucksack plötzlich bewegte.
Auf der Heimfahrt lief mir der Schweiß über die Stirn. Nicht, weil es so heiß war, sondern weil mir plötzlich der Gedanke kam, was wohl passieren würde, wenn ich in eine Polizeikontrolle geriet. Was hätte ich sagen sollen? „Guten Tag, Herr Inspektor, ich habe drei Zwerge im Rucksack, aber keine Sorge, die gehören zusammen“? Vermutlich hätte man zuerst den Rucksack und anschließend mich sehr genau untersucht. Engelbert schien meine Gedanken zu ahnen, denn plötzlich hörte ich aus dem Rucksack seine leise Stimme: „Ist alles in Ordnung?“ „Ja“, antwortete ich, „solange wir nicht aufgehalten werden.“ Zum Glück erreichten wir mein Zuhause ohne Zwischenfälle. Ich brachte die drei in ein ruhiges Zimmer und überlegte, wen ich um Hilfe bitten konnte. Ein guter Freund von mir war Arzt. Ich rief ihn an und erklärte ihm, dass ich dringend seine Hilfe brauchte. Natürlich sagte ich am Telefon nichts von Zwergen. Wahrscheinlich hätte er sonst geglaubt, ich wäre selbst der Patient. Als er bei mir eintraf, führte ich ihn ins Zimmer. Er sah zuerst mich an, dann Engelbert, dann Gloria und Adelheit und schließlich wieder mich. Einige Sekunden sagte er überhaupt nichts. „Bevor du fragst“, sagte ich, „ja, sie sind echt.“ Mein Freund setzte seine Brille ab, putzte sie gründlich, setzte sie wieder auf und meinte nur: „Also gut. Dann schauen wir uns die beiden Patientinnen einmal an.“ Gemeinsam pflegten wir Gloria und Adelheit gesund. Es dauerte einige Zeit, doch langsam kehrten ihre Kräfte zurück. Gloria konnte bald wieder sitzen, und Adelheit begann nach einigen Tagen sogar wieder zu lachen. Engelbert wich in dieser Zeit kaum von ihrer Seite. Als beide endlich gesund waren, fiel ihm eine Last vom Herzen. Er nahm meine Hand mit beiden Armen und sagte: „Du hast uns das Leben gerettet. Das werden wir dir niemals vergessen.“ Eigentlich hatte ich geplant, die Familie wieder zur Schaunburg zurückzubringen, sobald alle gesund waren. Doch eines Abends saßen Engelbert und ich beisammen, und er sagte ganz beiläufig: „Bei dir ist es so wohlig warm. Sehr angenehm.“ Dieser Satz blieb mir im Kopf. Das ehemalige Zimmer meines Sohnes stand zu dieser Zeit leer. Also kam mir eine Idee. Warum sollte ich der kleinen Familie dort nicht eine eigene Wohnung bauen? Ich erzählte Engelbert davon, und seine Augen begannen zu leuchten. Schon am nächsten Tag saßen wir gemeinsam über den ersten Plänen. Ich zeichnete auf einem großen Blatt Papier, während Engelbert mit einem winzigen Bleistift seine Wünsche dazuschrieb. Die Wohnung sollte ein Schlafzimmer, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und ein Zimmer für Adelheit bekommen. Große Ansprüche stellten sie nicht. Sie wollten es nur warm, gemütlich und sicher haben. Gemeinsam begannen wir zu bauen. Für mich waren kleine Holzstücke und Stoffreste fast wertlos, für Engelbert waren sie hervorragendes Baumaterial. Aus einer alten Schublade wurde ein Zimmer, aus Holzleisten entstanden Betten, Stühle und ein Tisch. Ein alter Lampenschirm wurde zum Dach, Knöpfe zu Tellern und ein Fingerhut zu einem Kochtopf. Engelbert war handwerklich sehr geschickt, und wir ergänzten uns hervorragend. Nach einigen Wochen war die kleine Wohnung fertig. Gloria stellte Vorhänge her, Adelheit bemalte die Wände mit winzigen Blumen, und Engelbert baute sogar eine kleine Bank vor den Eingang. Als sie einzogen, waren sie überglücklich. Von diesem Tag an gehörten die drei zu meinem Leben.
Wir wurden richtig gute Freunde. Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, freute ich mich riesig auf meine kleinen Gäste. Mein erster Weg führte fast immer in das ehemalige Zimmer meines Sohnes. Dort saß Engelbert oft vor seiner kleinen Wohnung und wartete bereits auf mich. Wir erzählten uns, was wir tagsüber erlebt hatten. Gloria bereitete manchmal Tee zu. Ich trank aus einer normalen Tasse, die drei aus winzigen Bechern. Besonders Adelheit war neugierig und stellte unzählige Fragen über die Welt der großen Menschen. Sie wollte wissen, warum Autos so laut waren, weshalb Menschen so große Häuser brauchten und warum sie beim Einkaufen oft Dinge kauften, die sie gar nicht benötigten. Auf manche Fragen wusste ich selbst keine vernünftige Antwort. Ein Detail bringt mich bis heute zum Schmunzeln: die erste Bestellung für den Einkauf meiner kleinen Familie. Gloria überreichte mir einen winzigen Zettel. Darauf stand: „Bitte 15 Dekagramm Schnitzelfleisch, ein Ei, eine Prise Salz, zehn Dekagramm Semmelbrösel, einen Schöpfer voll Mehl und ungefähr 10 Salatblätter.“ Ich musste lachen. Für mich klang das nach einer Kostprobe, für die Zwergenfamilie war es ein richtiges Festessen. Als ich die Bestellung beim Fleischhauer aufgab, sah mich die Verkäuferin etwas verwundert an. „Nur fünf Dekagramm?“ fragte sie. „Ja“, antwortete ich, „ich bekomme Besuch, aber die essen nicht besonders viel.“ Das stimmte ja auch. Gloria bereitete daraus Schnitzel zu, die kaum größer als eine Briefmarke waren. Dazu gab es Salatblätter, von denen jedes einzelne für mehrere Portionen reichte. Wir verbrachten viele schöne Jahre miteinander. Ich kümmerte mich liebevoll um Engelbert, Gloria und Adelheit, und sie gaben mir auf ihre Weise genauso viel zurück. Sie waren da, wenn ich nach einem langen Arbeitstag müde nach Hause kam. Sie hörten mir zu, wenn mich etwas beschäftigte, und sie erinnerten mich daran, dass man zum Glücklichsein oft viel weniger braucht, als man glaubt. Nie erzählte ich anderen Menschen von ihnen. Nicht weil ich mich schämte, sondern weil ich Angst hatte, jemand könnte sie entdecken, fotografieren oder aus ihrem ruhigen Leben reißen. Sie vertrauten mir, und dieses Vertrauen wollte ich niemals enttäuschen.
Doch eines Tages wurde ich selbst schwer krank. Es kam so plötzlich, dass ich kaum Zeit hatte, etwas zu erklären. Als ich ins Krankenhaus gebracht wurde, sah ich Engelbert in der Tür seiner kleinen Wohnung stehen. Seine Augen waren voller Sorge und Traurigkeit. Er sagte nichts, doch ich erkannte darin denselben Blick wie damals in der Burgkirche, als er mich um Hilfe gebeten hatte. Ich hob noch kurz die Hand, bevor ich das Haus verließ. Im Krankenhaus dachte ich oft an die drei. Ich fragte mich, ob sie genug zu essen hatten, ob es ihnen gut ging und ob Engelbert mit allem zurechtkam. Nach mehreren Wochen wurde ich schließlich wieder gesund und durfte nach Hause. Schon auf der Fahrt freute ich mich riesig darauf, meine kleinen Freunde wiederzusehen. Als ich die Wohnung betrat, rief ich sofort: „Engelbert, Gloria, Adelheit, ich bin wieder da!“ Doch niemand antwortete. Ich ging in das ehemalige Zimmer meines Sohnes und blieb wie angewurzelt stehen. Die kleine Wohnung war verschwunden. Kein Tisch, kein Bett, keine Bank, kein Werkzeug und kein einziger kleiner Gegenstand waren mehr da. Alles sah genauso aus wie früher, bevor die Zwergenfamilie eingezogen war. Ich suchte im ganzen Zimmer, öffnete Schubladen, sah hinter Möbeln und rief immer wieder ihre Namen. Doch es blieb still. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich mir all das nur eingebildet hatte. Vielleicht war die Begegnung auf der Schaunburg nur ein Traum gewesen. Vielleicht hatte es Engelbert, Gloria und Adelheit nie gegeben. Dann entdeckte ich auf dem Fensterbrett einen kleinen zusammengefalteten Zettel. Er war kaum größer als eine Briefmarke. Vorsichtig öffnete ich ihn. In sauberer, winziger Schrift stand darauf: „Lieber Freund, wir danken dir für deine Hilfe. Du hast uns das Leben gerettet, uns ein Zuhause gegeben und uns wie eine Familie behandelt. Es war eine sehr schöne Zeit. Danke für alles. Engelbert, Gloria und Adelheit.“ Ich setzte mich hin und hielt den kleinen Zettel lange in der Hand. Natürlich war ich traurig, dass sie gegangen waren. Doch zugleich war ich dankbar, dass ich diese außergewöhnliche Freundschaft erleben durfte. Noch heute fahre ich manchmal zur Burgruine Schaunburg. Dann setze ich mich wieder in die alte Burgkirche und versuche, das Rad meiner Gedanken anzuhalten. Wenn es ganz still ist und der Wind durch die alten Mauern zieht, glaube ich manchmal, hinter einem Mauervorsprung ein leises Winseln oder Zischen zu hören. Dann muss ich lächeln und denke an Engelbert, Gloria und Adelheit. Vielleicht leben sie heute wieder irgendwo dort zwischen den alten Steinen. Vielleicht erzählen sie anderen Zwergen von dem großen Menschen, der ihnen einst geholfen hat. Und vielleicht wartet Engelbert nur darauf, eines Tages wieder vorsichtig um die Ecke zu schauen und leise zu fragen: „Kannst du mir bitte helfen?“















