
Der Tisch, der warten kann
Der Stammtisch stand immer links, gleich neben dem Kachelofen.
Ein schweres Ding aus dunklem Holz, zerkratzt von Jahrzehnten, mit Brandflecken von Zigaretten, die längst verboten sind, und Kerben, von denen keiner mehr wusste, wer sie hineingeschlagen hatte.
„Des war sicher der Franz“, sagte man.
Und der Franz sagte: „I war des nie – i hau ned daneben.“
„Gehma zum Wirtn“, sagte man früher nicht, weil man Hunger hatte.
Man sagte es, weil man reden musste. Oder weil daheim wer wartete, der auch reden wollte – und das war oft schlimmer.
Man redete über die Arbeit, über den Chef, über die Politik.
„Die Politiker san alle gleich“, sagte der Sepp.
„Na“, sagte der Hansi, „früher san’s wenigstens no schlechter gwesen.“
Dann wurde gestritten, gesudert, geschimpft – so laut, dass der Wirt nur mehr den Kopf schüttelte und meinte:
„Wenn des Denken wehtat, warat’s heut a ruhiger Abend.“
Die Fetzen flogen. Einer stand auf, schlug auf den Tisch und sagte:
„Mit dir red i nimmer!“
Der andere antwortete:
„Passt. No a Bier?“
Und zehn Minuten später tranken sie wieder zusammen, weil man sich zwar ärgerte, aber nicht trennte.
Der Wirt wusste, wann er nachzuschenken hatte und wann er lieber weggehen sollte.
„Noch eins?“, fragte er.
„Jo“, sagten alle.
„Aber nur a Kleines.“
Es wurde ein Großes. Wie immer.
Heute steht der Tisch oft leer.
Das Wirtshaus gibt es noch, aber man geht hinein wie in ein Bankinstitut. Man rechnet.
„Des kostet wos?“
„Ja.“
„Dann sans mir z’teier.“
Und daheim is dann die Tiefkühlpizza um drei Euro – aber halt ohne Gespräch, dafür mit Stille.
Zeit haben wir auch keine mehr.
Arbeit, Termine, Freizeitstress.
Wir laufen den ganzen Tag und wundern uns am Abend, warum wir nirgends angekommen sind.
Gesudert wird heute online.
Da kann man streiten, ohne dem anderen ins Gesicht zu schauen.
Praktisch.
Und feig.
Früher hat man sich nach dem Streit wenigstens noch ins Aug geschaut.
Und wenn gar nix mehr ging, sagte einer:
„Du host recht.“
Und alle wussten: Er hatte keine Lust mehr zu diskutieren.
Wohin führt uns dieser Weg?
Vielleicht sitzen wir in fünf Jahren noch immer nebeneinander – aber jeder schaut auf sein eigenes Kastl.
In zehn Jahren erzählen wir, dass es früher einmal Wirtshäuser gab, wo man gelacht hat, gestritten hat und trotzdem beieinander blieb.
Und in fünfundzwanzig Jahren stehen wir vor einem alten Gasthaus, lesen „Zu verpachten“ am Fenster und sagen:
„Schad drum.“
Und gehen weiter.
Ob wir unser Leben verändern? Sicher.
Ob zum Besseren?
Wie sagte der alte Wirt immer:
„Solang’s Bier no schaumt, is ned alles verloren.“
Der Stammtisch würde noch stehen.
Er hätte Zeit.
Er würde warten.
Man müsste nur wieder sagen:
„Gehma zum Wirtn.“