Schlagwort: Lebenszeit

  • 145_Wir warten unser Leben lang

    Wir warten auf den Freitag.
    Wir warten auf den Ersten, weil dann endlich wieder Geld am Konto ist.
    Wir warten auf den Geburtstag.
    Wir warten auf den Sommer.
    Wir warten auf Weihnachten.
    Wir warten darauf, dass „es besser wird“, „ruhiger wird“, „anders wird“.
    Und während wir warten, rinnt sie uns durch die Finger – diese kostbare, unwiederbringliche Lebenszeit.

    Das Warten ist inzwischen fast schon ein Volkssport geworden. Montag warten wir auf Freitag, unter der Woche auf das Wochenende, im Jahr auf den Urlaub, im Leben auf irgendwann. Irgendwann, wenn mehr Zeit ist. Irgendwann, wenn weniger Stress ist. Irgendwann, wenn… ja wenn was eigentlich? Während wir brav auf all diese Termine starren wie auf Fahrpläne, fährt unser eigener Zug ganz leise weiter. Ohne Pause. Ohne Rückfahrkarte.

    Das Gemeine daran: Wir merken es oft erst, wenn wieder ein Monat vorbei ist. Oder ein Jahr. Oder ein Mensch. Oder ein Traum.

    Dabei liegt das Leben nicht am Freitag. Nicht am Ersten. Nicht unterm Christbaum. Es liegt heute. In diesem einen, unscheinbaren, völlig unperfekten Tag. Und der will nicht, dass wir auf ihn warten. Der will, dass wir ihn benutzen.

    Also vielleicht heute einmal nicht warten.
    Nicht auf besseres Wetter. Nicht auf bessere Laune. Nicht auf den richtigen Moment.
    Vielleicht heute einfach raus. In die Natur. In den Wald. An die Traun. Auf einen Hügel. Auf eine Bank. Oder wenigstens ans offene Fenster. Luft holen. Schauen. Hören. Spüren, dass man da ist.

    Denn Lebenszeit ist keine Ware, die man ansparen kann.
    Sie ist ein Gutschein, der jeden Tag ein kleines Stück kürzer wird – und nirgends steht, wie lang er ursprünglich war.

    Und jetzt entschuldige mich bitte… ich warte nicht mehr. Ich gehe eine Runde leben.