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    Warum ich 104 Jahre alt werden will

    Heute beginnt mein Geburtstags-Countdown. Noch ein paar Tage bis ich 68 werde. Und plötzlich habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich immer scherzhaft sage, dass ich 104 Jahre alt werden will. Die Wahrheit ist: Mein erstes Ziel war gar nicht die Zahl selbst. Ich wollte einfach in meinem Leben insgesamt 25 Bücher schreiben. Und dafür brauchte ich Zeit. Viel Zeit. Also sagte ich irgendwann halb scherzhaft zu mir selbst: „Klezi, du musst mindestens 104 werden, sonst bringst du deine Projekte niemals unter einen Hut.“ Erst Jahre später, als ich Herrn Gutmann kennenlernte, verstand ich plötzlich, warum es ausgerechnet diese Zahl geworden war.

    Vor ungefähr zehn Jahren verbrachte ich öfter Zeit in einem Altenheim. Wir spielten Karten, redeten, lachten oder saßen einfach zusammen. Und eines Tages setzte sich ein älterer Herr zu unserer Runde. Ein schmaler Mann mit freundlichen Augen und diesem besonderen Blick, den nur Menschen haben, die viel erlebt haben. Nennen wir ihn einfach Herrn Gutmann.

    Er war früher Lokführer. Einer von diesen alten Eisenbahnern, die Geschichten erzählen konnten, bei denen man plötzlich selber das Pfeifen einer Dampflok hörte. Obwohl er schon weit über neunzig war, hatte er etwas Jugendliches an sich. Nicht äußerlich. Sondern im Kopf. Einmal zeigte jemand auf sein Handy und sagte scherzhaft: „Na Herr Gutmann, rechnen S’ des einmal im Kopf aus.“ Während wir anderen noch auf die Taschenrechner starrten, hatte er das Ergebnis längst gesagt. Und zwar richtig. Immer richtig. Schneller als wir alle zusammen. So entstand langsam eine Freundschaft. Jedes Mal wenn ich ins Heim kam, war Herr Gutmann irgendwo dabei und hatte irgendeinen Schmäh auf Lager.

    Einmal fragte ich ihn: „Herr Gutmann, was machen S’ eigentlich, dass S’ so alt werden? Jeden Tag ein Glas Rotwein?“ Er grinste nur und sagte: „Nein. Jeden Abend ein Glas Bier vorm Fernseher. Außer es sitzt eine schöne Frau neben mir… dann wird’s halt manchmal a zweites.“ So war er. Mit fast hundert Jahren noch voller Humor. Und dann passierte dieser kleine Auffahrunfall direkt beim Altenheim. Er war mit dem Auto leicht gegen einen Betonbegrenzungsstein gefahren. Nichts passiert. Wirklich gar nichts. Danach gab er freiwillig seinen Führerschein ab. Die Leute sagten sofort: „Des is gscheid. In dem Alter sollt ma eh nimma fahren.“ Herr Gutmann schaute sie an und sagte trocken: „Autofahren könnt i eh noch. Aber i hab ma beim Unfall den Ellbogen verstaucht. Jetzt kann i nimma Ziehharmonika spielen.“

    Ich glaube, genau in diesem Moment wurde er endgültig mein Idol. Dieser Mann jammerte nie über sein Alter. Er lebte einfach weiter. Mit Humor. Mit Interesse. Mit Neugier. Einmal kam er ganz ernst zu mir und sagte: „Klezi… i brauch a Freundin.“ Ich musste lachen. „Herr Gutmann, mit fast hundert?“ Er nickte nur. „Freilich. Aber i hab a Problem.“ „Welches denn?“ Dann sagte er einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Die Damen mit siebzig oder achtzig wollen mi net. Die sagen alle: ‚Du lebst eh nimma lang.‘“ Und dann grinste er wieder. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ausgerechnet er oft derjenige war, der die manchmal verwirrten Bewohner wieder in ihre richtigen Zimmer brachte.

    Genau dieser Humor, diese Leichtigkeit und diese Art, das Leben trotz allem nicht aufzugeben, war etwas Besonderes. Später hörte ich vom Tod meines alten Freundes. 104 Jahre alt wurde er. Und genau in diesem Moment verstand ich plötzlich meine eigene verrückte Zahl. Seit damals denke ich manchmal: Vielleicht geht es gar nicht darum, möglichst alt zu werden. Vielleicht geht es darum, neugierig zu bleiben, zu lachen, Geschichten zu erzählen, Menschen Freude zu machen und sich niemals ganz alt zu fühlen. Darum möchte ich 104 werden. Nicht wegen der Zahl. Sondern wegen dem Leben dazwischen.